Chaos in Kambodschas Industrie

Kambodscha lässt seine Sicherheitskräfte auf streikende Textilarbeiter schiessen. Der Ausstand als Folge eines Streits um die Löhne lähmt den mit Abstand wichtigsten Exportzweig des armen Landes. Premier Hun Sen steht unter Druck.

Willi Germund
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Brände in den Strassen der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, entfacht von streikenden und demonstrierenden Textilarbeitern. (Bild: epa/Mak Remissa)

Brände in den Strassen der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, entfacht von streikenden und demonstrierenden Textilarbeitern. (Bild: epa/Mak Remissa)

BANGKOK. In den letzten Minuten seines Lebens versuchte der unbekannte Mann offensichtlich mit letzter Kraft, über das holprige Trottoir der Veng-Sreng-Strasse am Rande der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh in Sicherheit zu kriechen. Jetzt hängt der Oberkörper des Textilarbeiters von einer Stufe herunter. Um den Kopf des Toten hat das aus einer Schusswunde laufende Blut eine Lache gebildet. Hunderte von Steinbrocken liegen um die Leiche auf der menschenleeren Strasse.

Für den Mann, der gemeinsam mit Zehntausenden anderen Textilarbeitern des Landes streikte, setzte gestern eine Kugel seiner Hoffnung auf eine Verdoppelung seines monatlichen Mindestlohnes von 80 auf 160 $ ein Ende. Mehrere Hundertschaften Soldaten und Polizei waren erstmals seit Beginn einer seit Monaten dauernden Streik- und Protestwelle mit brutaler Gewalt gegen Textilarbeiter und Demonstranten vorgegangen – in dem Land, das seit 28 Jahren von Premierminister Hun Sen regiert wird (siehe auch Kasten).

Hunderttausende protestieren

Drei Menschen starben gestern früh im Kugelhagel, Dutzende wurden verletzt, und mindestens zehn Menschen wurden verhaftet, darunter buddhistische Mönche, weil der Langmut des für seine Unzimperlichkeit bekannten Hun Sen ein Ende fand. Denn den etwa 30 000 gewerkschaftlich organisierten Textilarbeitern war es gelungen, rund 300 000 Arbeiter, also ein Zehnfaches, in den 450 Textilfabriken für den Ausstand zu mobilisieren. Nun liegt nicht nur die Textilindustrie des südostasiatischen Landes mit ihrer halben Million Beschäftigten lahm. Der Ausstand bedroht auch die Zukunft des wichtigsten kambodschanischen Wirtschaftszweiges, dessen Exporte von 5 Mrd. $ pro Jahr vier Fünftel der Deviseneinnahmen Kambodschas ausmachen.

In chinesischer Hand

Überwiegend von chinesischen Firmen betriebene Textilfabriken fertigen in dem Land zu Dumpinglöhnen für europäische und amerikanische Modemarken wie Adidas, Puma, Nike oder H&M Kleider und Schuhe, die in westlichen Verkaufsregalen zu Preisen verkauft werden, welche die Monatslöhne der kambodschanischen Arbeiter um ein Vielfaches übersteigen. «Bei Berücksichtigung der Inflation erhält ein kambodschanischer Textilarbeiter heute den gleichen Lohn wie 2001», sagt Joel Preston, dessen Hilfsorganisation Cambodia Legal Education Center sich vorwiegend um Textilarbeiter kümmert.

Kambodscha ist noch billiger

Die westlichen Modekonzerne zogen häufig von China nach Kambodscha um, weil im Reich der Mitte längst dreimal höhere Löhne gezahlt werden. Dennoch weigerten sich Kambodschas Fabrikbesitzer kurz vor Jahresende, einer Mindestlohnerhöhung von 80 auf 95 $ zuzustimmen. Die Arbeiter reagierten so empört, dass daraufhin eine von der Regierung angeordnete Erhöhung auf 98 $ abgelehnt wurde.