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CARILLION: Britische Baupleite macht hellhörig

Die britische Regierung ordnet nach dem Konkurs des Baukonzerns Carillion eine Untersuchung an. Der Oppositionsführer spricht von «Abzocker-Privatisierung».
Sebastian Borger, London
Das Carillion-Logo auf einer Baustelle in London. (Bild: Andy Rain/EPA (London, 15. Januar 2018))

Das Carillion-Logo auf einer Baustelle in London. (Bild: Andy Rain/EPA (London, 15. Januar 2018))

Sebastian Borger, London

Nach dem Zusammenbruch des Bau- und Infrastrukturkonzerns Carillion hat die britische Regierung eine beschleunigte Überprüfung der Unternehmensführung angeordnet. «Sollten sich Unregelmässigkeiten nachweisen lassen, werden wir das sehr ernst nehmen», teilte Wirtschaftsminister Greg Clark mit. Oppositionsführer Jeremy Corbyn bezeichnete die Pleite als Wendepunkt: Die Politik der «Abzockerei-Privatisierungen» müsse ein Ende haben.

Das im mittelenglischen Wolverhampton ansässige Unter­nehmen mit rund 43000 Mitarbeitern, darunter 20000 auf der Insel, war die zweitgrösste ­britische Baufirma. Neben dem Schnellbahntrassee HS2 zwischen London und Birmingham baute Carillion auch zwei staatliche Krankenhäuser sowie Umgehungsstrassen im nordschottischen Aberdeen sowie in der Grafschaft Lincoln. Zudem betrieb die Firma im staatlichen Auftrag Gefängnisse und die Abhörzentrale GCHQ, war für die Bereitstellung von 11500 Krankenhausbetten ebenso verantwortlich wie für die tägliche Speisung Zehntausender von Schulkindern.

Punktuell wird weitergearbeitet

Während die Arbeit an den Grossbaustellen vorläufig ruht, werden die laufenden Aufgaben in Schulen und Krankenhäusern einstweilen von Caril­lion-Mitarbeitern weitergeführt. Deren fortlaufende Bezahlung sicherte Kabinettsminister David Lidington im Unterhaus zu.

Empörte Labour-Abgeordnete wiesen darauf hin, dass auf der Gehaltsliste auch der frühere ­Vorstandschef Richard Howson steht. Der Manager war im vergangenen Juli nach der ersten von insgesamt drei Gewinnwarnungen zurückgetreten, erhält aber planmässig bis Oktober Jahresbezüge von umgerechnet 914000 Franken. Den Vorwurf, die Regierung habe die private Pleite durch staatliche Mittel abgefedert, wies der Minister zurück: Gläubiger und Aktionäre des Konzerns müssten «die Hauptlast der Verluste» tragen.

Seit gut zwei Jahrzehnten haben Regierungen beiderlei Couleur immer mehr staatliche Aufgaben in den Privatsektor verlagert. Im Rahmen der Private Finance Initiative wurden langfristige Rahmenverträge abgeschlossen, um die Erneuerung der heruntergekommenen Infrastruktur wie Strassen und Schienennetz, aber auch den Neubau von Schulen und Krankenhäusern zu ermöglichen. Dadurch blieb der staatliche Haushalt von riesigen Milliarden­schulden verschont; gleichzeitig verpflichtete sich der Staat über lange Zeiträume von mehreren Jahrzehnten, die teils völlig überteuerten Dienstleistungen der Partnerfirmen abzurufen. Berühmtestes Beispiel war vor Jahren der Weihnachtsbaum im Hof des Finanzministeriums: Das Schmuckstück kostete im Rahmen des langfristigen Unterhaltsvertrages mit einer Privatfirma 875 Pfund (1160 Franken); ein Exemplar aus dem lokalen Baumarkt wäre mit rund 50 Pfund deutlich billiger gekommen. Labour-Mann Corbyn wandte sich mit einer klaren Botschaft an die Öffentlichkeit: Carillion sei nur ein Symptom für eine gänzlich falsche Politik. Diese habe den öffentlichen Sektor beschädigt und «die Gesellschaft um Milliarden geschröpft».

Analysten haben Probleme nicht erkannt

Die Pleite der Baufirma nannte der 68-Jährige in einem Atemzug mit einem kürzlich bekanntgewordenen Gefallen des Verkehrsministers Chris Grayling für zwei Eisenbahnbetreiber. Diese hatten ihre Lizenz für den Betrieb der eigentlich lukrativen Strecke London–Edinburgh als angeblich nicht profitabel zurückgegeben, ehe vertraglich zugesicherte Milliardenzahlungen in die Staatskasse fällig wurden. Die Caril­lion-Pleite hatte sich seit längerem angekündigt. Noch vor zwei Jahren betrug der Börsenwert knapp zwei Milliarden Pfund, ehe die drei Gewinnwarnungen seit vergangenem Juli die Aktie zusammenbrechen liessen. Letzte Woche war das Unternehmen auf dem Papier noch 61 Millionen Pfund wert.

Warum das Verkehrsministerium, aber auch Stadtverwaltungen dennoch weiterhin Aufträge an die Firma vergaben, dürfte ­einen Teil des Untersuchungsauftrages an den staatlichen Konkursverwalter bilden. Bohrende Fragen müssen sich auch die Analysten vieler Investmentbanken gefallen lassen. Diese hatten jahrelang übersehen, dass der Baukonzern seit 2011 immer mehr Schulden aus der offiziellen Bilanz auslagerte.

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