Bunte kleine Umweltsünder

Immer mehr Schweizer entscheiden sich für Kaffee aus Kapseln. Damit nimmt auch der Abfall immer weiter zu. Beim Recycling stossen die Hersteller aber schon jetzt an ihre Grenzen – und forschen deshalb nach Alternativen.

Bernhard Marks
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Der Anteil der recyclierten Alu-Kapseln liegt in der Schweiz erst bei 50 Prozent. (Archivbild: Susann Basler)

Der Anteil der recyclierten Alu-Kapseln liegt in der Schweiz erst bei 50 Prozent. (Archivbild: Susann Basler)

Sein Geschmack weckt müde Geister. Sein Duft sorgt für Behaglichkeit in der Stube. Kaffee soll laut Studien sogar vor Krebs, Alzheimer und vor Parkinson schützen. Als Café crème, Cappuccino oder einfach nur ganz schwarz: Kaum ein Getränk ist so populär wie Kaffee. Eine immer beliebtere Methode, Kaffee zu machen, ist das Kapselsystem. Die kleinen bunten Kaffeehülsen haben es innerhalb kurzer Zeit geschafft, den Kaffeemarkt auf den Kopf zu stellen. Der weltweite Umsatz mit den Kapseln ist seit 2008 von 2,4 Milliarden auf über 8 Milliarden Euro gestiegen. Den grössten Marktanteil hat Nespresso: Die Nestlé-Tochter setzt mit den Kaffeekapseln geschätzte fünf Milliarden Franken um.

Mit einem Anteil von 38 Prozent ist der Kaffee aus Kapseln auch in der Schweiz die beliebteste Art, einen Kaffee zuzubereiten (siehe Grafik). Ob Nespresso, Migros, Coop, Denner, Tschibo, Aldi und Lidl, immer mehr Anbieter wollen im lukrativen Markt mit ihren Kapseln mitmischen. «Das Wachstum ist im zweistelligen Prozentbereich», sagt Coop-Sprecher Urs Meier. Coop allein verkaufe in der Schweiz zu 80 Prozent Portionenkaffeemaschinen, die mit Nespresso- und Delizio-Systemen (Migros) kompatibel sind.

Ein Kilo Kaffee für 80 Franken

Der Grund für den rasanten Siegeszug der Kaffeekapseln ist schnell erklärt: «Der Konsument kann dabei nichts falsch machen und bekommt einen hochwertigen Kaffee», sagt Kaffee-Experte Chahan Yeretzian. «Die Zubereitung ist schnell und einfach, die Sortenauswahl ist gross, und die Anschaffungskosten einer Kapselmaschine sind tief», sagt er. Nicht einmal um die richtige Dosierung muss man sich kümmern, die Kapselmaschine nimmt einem alles ab. Yeretzian, der früher in den Diensten von Nestlé die ersten Kapselsysteme technisch weiterentwickelt hat, unterrichtet heute an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften als Professor für Kaffeeforschung. Für ihn ist der Kaffee aus der Kapsel nicht nur eine praktische Sache, sondern eine «Errungenschaft».

Der vergleichsweise hohe Preis – bei Nespresso liegt dieser bei rund 50 Rappen pro Tasse, was bei sechs Gramm Kapselinhalt einem Kilopreis von über 80 Franken entspricht – spielt für Yeretzian allerdings eine untergeordnete Rolle. «Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit in einer Tasse mit gutem Kaffee steckt, ist das sogar noch zu billig», sagt er. Kaffeekonzerne verwenden für ihre Kapselsysteme oft hochwertigen Kaffee. Nicht ohne Grund verkaufen sie ihren Kunden einzelne Sorten längst mit ähnlichem Aufwand wie ein Sommelier den Wein. Nestlé nennt eine Auswahl ihrer Kapseln in Anlehnung an aussergewöhnliche Weine «Grands Crus», auch die Anbauregion findet Erwähnung.

Schwerer als der Eiffelturm

Ein gewichtiger Nachteil von Kapselkaffee ist laut Yeretzian aber der dabei entstehende Abfall. Zehn Milliarden Nespresso-Kapseln verkauft allein Nestlé pro Jahr. Bei einem errechneten Gehalt von 1,13 Gramm Aluminium pro Kapsel ergibt dies ein Gesamtgewicht von 11 300 Tonnen. Zum Vergleich: Das Stahlgerüst des Eiffelturms besteht aus rund 7300 Tonnen Stahl und wiegt damit erheblich weniger. Hinzu kommt, dass bei der Herstellung von Kaffeekapseln wertvolle Ressourcen verschwendet werden. Um aus dem Ausgangsstoff Bauxit ein Kilogramm Aluminium für Kaffeekapseln zu gewinnen, werden mindestens 14 Kilowattstunden elektrische Energie benötigt. Dabei werden durchschnittlich 8,4 Kilo Kohlendioxid pro Kilo Aluminium freigesetzt. Für eine Tonne Primäraluminium werden zudem 57 Kubikmeter Wasser verbraucht.

Schweiz hat Vorreiterrolle

Auch das Recycling von Aluminiumkapseln verbraucht Energie. Doch wie viele Kapseln recycelt und wie viele weggeschmissen werden, ist nicht bekannt. Ob in Deutschland, Frankreich oder in Italien, sicher ist, dass nur die wenigsten Alukapseln den Weg in den Wertstoffkreislauf zurückfinden. Allein für den deutschen Markt dürfte dies eine gigantische Zahl sein, immerhin werden im nördlichen Nachbarland pro Jahr zwei Milliarden Kapseln verkauft. Und ein Ende des Kapselbooms ist nicht in Sicht. Erst 16 Prozent aller deutschen Konsumenten bevorzugen Kapselkaffee.

In der Schweiz ist man punkto Recycling einen grossen Schritt weiter. Immer mehr Gemeinden stellen hierzulande einen Container für die Sammlung von Kapseln aus Aluminium zur Verfügung. Die Kapseln können zudem in den Nespresso-Boutiquen oder deren Partnergeschäften abgegeben werden. Ausserdem gibt es für gewisse Städte Nespresso-Recyclingtaschen, die man dem Pöstler direkt bei der Bestellungsauslieferung mitgeben kann.

Zweifel an Nespresso-Zielen

Trotzdem liegt der Anteil an recyclierten Alukapseln in der Schweiz erst bei 50 Prozent. Nespresso hat zwar selbst angekündigt, diesen Anteil auf 75 Prozent steigern zu wollen. «Das wird Nespresso wohl nicht so bald schaffen», meint Yeretzian. Der Grund: Zu viele Schweizer Konsumenten werfen ihre gebrauchten Aluminiumkapseln in den Abfall.

Zudem verunreinigen oft Kapseln aus Kunststoff von anderen Systemen die Recyclinggefässe von Nespresso. Trotzdem schwört Kaffeeprofessor Yeretzian auf die Eigenschaften der Aluminiumkapsel. «Darin bleibt der Kaffee länger frisch und die Qualität besser erhalten», sagt er. Auch nach dem Konsum könnte alles so einfach sein, denn alle Bestandteile der Kapsel sind wiederverwertbar, das Aluminium wie auch der Kaffeesatz. «Wenn es mit dem Recycling besser klappen würde, dann wäre Aluminium wie Glas eine gute Wahl», sagt Yeretzian. Doch das Gegenteil ist der Fall. «Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn jeder plötzlich auf Kapselkaffee umsteigen würde», sagt Yeretzian. Auch das Schweizer Forschungsinstitut Empa kommt in einer Studie zum Schluss: Kaffeekapseln, egal welcher Art, belegen immer die hinteren Plätze in Sachen Umweltverträglichkeit. Ganz vorne landet ein alter Bekannter: der ganz normale Filterkaffee. Dieser lässt sich einfach in der Grüntonne entsorgen.

Neue Ansätze gesucht

Chahan Yeretzian räumt ein: «Aus der Sicht der Umweltverträglichkeit sollte man idealerweise Lösungen für Kapseln aus nachwachsenden Rohstoffen finden, welche zusätzlich biologisch abbaubar sind.» Aus der Sicht der Qualität sollte dieses Material allerdings die Qualität des Kaffees ebenso gut wie eine Aluminiumverpackung erhalten. «Das ist keine einfache Aufgabe», so der Experte.

Der Weg geht aktuell in Richtung kompostierbarer Kapseln. Hier gibt es bereits einige Anbieter im Markt wie die Ethical Coffee Company mit Sitz in Freiburg. Sie setzt seit einigen Jahren auf eine Kapsel aus Cellulose, die nach sechs Monaten abgebaut ist. In die Grüntonne darf die Kapsel nicht geworfen werden – dafür zersetzt sie sich zu langsam. Für Yeretzian ist diese Technik auch im Hinblick auf die Frischhalte-Eigenschaften noch nicht ausgereift. «Viele Firmen arbeiten daher fieberhaft an neuen Lösungen», sagt er.

So auch der asiatische Designer Eason Chow. Er hat mit «Droops» Kaffeekapseln entwickelt, die sich in Wasser auflösen. Dabei werden die Kaffeegranulate mit Milchpulver überzogen und dann in Zucker getaucht. Das Produkt befindet sich noch im Entwicklungsstadium. Und ob die Kaffeequalität in einer solchen Kapsel erhalten bleibt, ist offen. «Wenn die Qualität des Produktes nicht stimmt, so ist wohl auch die beste Verpackungslösung nicht viel wert», sagt Yeretzian.