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Britischer Stahl unter Druck

Ausgerechnet London hat Bemühungen der EU-Kommission gegen chinesischen Billigstahl blockiert. Statt auf der Insel will Tata nun lieber in Thyssen Krupp investieren.
Sebastian Borger
Hochofen des Tata-Stahlwerks im walisischen Port Talbot. (Bild: Tata Steel Europe)

Hochofen des Tata-Stahlwerks im walisischen Port Talbot. (Bild: Tata Steel Europe)

LONDON. Die europäische Stahlindustrie steht offensichtlich vor einer grösseren Konsolidierung. Während in Grossbritannien der Tata-Konzern seine dortigen Produktionsstätten mit 15 500 Mitarbeitern verkaufen oder schliessen will, plant das indische Unternehmen Medienberichten zufolge ein Joint Venture mit dem deutschen Giganten Thyssen Krupp. Unterdessen tobt auf der Insel der Streit um die Ursachen für den drohenden Zusammenbruch der Branche. Industrie-Insider beschuldigen die konservative Regierung von Premierminister David Cameron, sie habe dem Dumping chinesischer Stahlproduzenten tatenlos zugesehen.

Verstaatlichung ausgeschlossen

Drei Tage nach dem Entscheid des Tata-Aufsichtsrats stattete gestern Wirtschaftsminister Sajid Javid dem von der Schliessung bedrohten Stahlwerk mit Hochofen im walisischen Port Talbot einen Besuch ab. Der gelernte Investmentbanker Javid steht im Kreuzfeuer der Kritik, weil er zu einer Wirtschaftstagung und Privatferien nach Australien gereist war anstatt in Bombay Stimmung für die heimische Industrie zu machen. Skeptischen Arbeitnehmern gegenüber betonte der Minister, die Regierung stehe auf ihrer Seite. Allerdings hat Premier Cameron die von der Labour-Opposition und den Gewerkschaften geforderte Verstaatlichung des Sektors ausgeschlossen: «Das ist keine Lösung.»

Port Talbot sowie die anderen zwölf Tata-Standorte in England und Wales gehörten einst zum staatlichen und in den 1980er- Jahren privatisierten Konglomerat British Steel. Die Firma fusionierte 1999 mit Hoogovens (Niederlande) zu Corus. Der Tata-Konzern kaufte Corus 2007 für 7,8 Mrd. €. Neun Jahre später beziffert das Unternehmen den heutigen Buchwert mit beinahe Null. Man habe einen Verlust von 2,5 Mrd. € abgeschrieben, sagte Tata-Finanzchef Koushik Chatterjee: «Es geht nicht um eine Rechenübung, wir müssen unser Risiko reduzieren.»

Offensichtlich will Tata nun durch eine Beteiligung am zweitgrössten Stahlkonzern Europas, Thyssen Krupp, Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Weder die Inder noch Thyssen Krupp in Essen mochten gestern einen Bericht der «Rheinischen Post» kommentieren, wonach seit längerem entsprechende Gespräche laufen. Der deutsche Konzern mit 155 000 Mitarbeitern weltweit verzeichnete einen Sprung des Aktienkurses von bis zu 7,7% und lag auch gestern Nachmittag noch knapp 4% höher als am Vortag.

Die Branche leidet seit Jahren an einem massiven Überangebot auf dem Weltmarkt. Weil die eigene Wirtschaft schwächelt, haben chinesische Unternehmen den Export von Stahl zu Dumpingpreisen stark forciert. Um diesem unfairen Wettbewerb einen Riegel vorzuschieben, hat die EU-Kommission ein Massnahmenpaket gegen China geschnürt, das von einer Gruppe von Mitgliedstaaten abgelehnt wird. «Das Vereinigte Königreich führt die Blockademinderheit an», sagt Axel Eggert von Eurofer, dem Lobbyverband der europäischen Eisen- und Stahlindustrie.

Kotau vor Peking

Hinter vorgehaltener Hand werden EU-Offizielle noch deutlicher: London praktiziere den Kotau vor Peking, weil die Chinesen Know-how und vor allem Kapital zur Wiederbelebung der zivilen Atomkraft auf der Insel beitragen sollen. Im Gegenzug lasse die Regierung die heimischen Stahlkocher, schon bisher keine Tory-Wähler, vor die Hunde gehen. Diesen Eindruck teilen Gewerkschafter vor Ort. «Nicht Tata trifft die Schuld, sondern die Regierung», glaubt Alun Davies von der Community-Gewerkschaft. In ihrer harten Haltung gegenüber der Schwerindustrie werden Cameron und Javid von führenden Wirtschaftsmedien wie der «Financial Times» bestärkt, da viele britische Stahlhütten veraltet sind.

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