Britischer Detailhändler Tesco steckt in der Klemme

LONDON. Der britische Detailhandelsgigant Tesco müsse «Stück für Stück wieder aufgebaut werden», sagte Konzernchef Dave Lewis gestern nach Bekanntgabe des grössten Verlusts in der 96jährigen Firmengeschichte. Der Verlust vor Steuern lag 2014 bei 6,4 Mrd. £ (9,2 Mrd. Fr.

Sebastian Borger
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LONDON. Der britische Detailhandelsgigant Tesco müsse «Stück für Stück wieder aufgebaut werden», sagte Konzernchef Dave Lewis gestern nach Bekanntgabe des grössten Verlusts in der 96jährigen Firmengeschichte. Der Verlust vor Steuern lag 2014 bei 6,4 Mrd. £ (9,2 Mrd. Fr.) und geht überwiegend auf eine gewaltige Immobilienabschreibung zurück. Im Jahr zuvor hatte das Unternehmen noch 2,26 Mrd. £ Gewinn melden können. Anschliessend aber ging es rasch bergab mit dem britischen Marktführer, der auch in Europa und Asien vertreten ist. Kurz nacheinander mussten operativer Chef, Finanzchef und Präsident ihre Hüte nehmen.

Teils erheblich weniger Kunden

Im September entdeckte ein Revisor Fehlbuchungen von 263 Mio. £ über mindestens zwei Finanzjahre. Dass es damals um die Kalkulation von Rabattgewinnen ging, war ein Alarmzeichen. Tesco erhält nämlich von grossen Lieferanten im Gegenzug für garantierte Verkaufsmengen erhebliche Nachlässe. Wenn der Umsatz fällt und Produkte liegenbleiben, werden die Rabatte gestrichen – der Konzern muss also für die gleiche Ware mehr bezahlen. Auch die jetzt bekanntgegebene Neubewertung der Immobilien weist auf schwere Probleme hin. Die Abschreibung beziffert zwar einen fiktiven Wert, ihr liegen jedoch reale Zahlen zugrunde: Der Wert der Tesco-Märkte, vorab jener der Hangars am Stadtrand, ist gefallen, weil erheblich weniger Menschen dort einkauften. Ein Fünftel der Verkaufsfläche in seinen Filialen werde «zu wenig genutzt», klagt Lewis. Das Unternehmen wird 43 Geschäfte schliessen, 49 geplante Neueröffnungen werden unterbleiben.

Woran der Grosskonzern leidet

Zwar bleibt das Unternehmen mit 28% Marktanteil britischer Branchenprimus, wird aber von zwei Seiten attackiert. Die hochpreisige Konkurrenz von Waitrose wirbt wohlsituiertes Publikum ab, unten drängen die deutschen Billigketten Lidl und Aldi in den Markt. Das macht nicht nur Tesco, sondern auch dessen Konkurrenten Sainsburys, Asda (eine Tochter des US-Konzerns Walmart) und Morrison Probleme.

Als Fehler erweist sich auch die Konzentration auf immer grössere Märkte mit immer mehr Angeboten jenseits des klassischen Lebensmittelgeschäfts. Tesco gab im Verkauf von Flachbildschirmen und Computern den Vorreiter, konnte damit aber der etablierten Konkurrenz auf Dauer nicht das Wasser reichen. Ein Problem stellt auch die mangelnde Verzahnung des Online-Marktes mit den herkömmlichen Supermärkten dar. Zunehmend klagen Kunden, die Qualität der im Internet bestellten Waren lasse zu wünschen übrig.