Briten reformieren den Libor

Nach jahrelangen Versäumnissen soll der Interbankenzinssatz Libor aufgrund echter Marktdaten berechnet und seine Manipulation unter Strafe gestellt werden.

Sebastian Borger
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LONDON. Bisher wurden zur Ermittlung des weltweit verwendeten Libor (London Interbank Offered Rate) Schätzungen der beteiligten Banken verwendet. Neu sollen echte Marktdaten herangezogen werden, geht es nach der britischen Finanzaufsicht FSA.

Die Zahl der vom Libor abgeleiteten Zinssätze wird von 150 auf 20 reduziert, global unbedeutende Währungen wie der australische und der kanadische Dollar oder die dänische und die schwedische Krone spielen von kommendem Jahr an keine Rolle mehr. Etwaige Manipulationen des Libor werden strafrechtlich verfolgt. «Wir müssen das verlorengegangene Vertrauen in das ganze System zurückgewinnen», begründet der zuständige FSA-Abteilungsleiter Martin Wheatley.

«Schwer beschädigt»

Mit ihrem raschen Vorgehen reagieren die Briten auf den Manipulationsskandal um den Libor sowie seinen regionalen Pendants Euribor, Tibor (Tokio) und Sibor (Singapur). Der Skandal hält die Finanzwelt seit Juni in Atem und hat «unser Vertrauen und damit die Grundlage unseres Finanzsystems schwer beschädigt», analysiert Wheatley. Obwohl dem Zinssatz weltweite Finanztransaktionen im Umfang von mindestens 500 000 Mrd. $ zugrunde liegen, wurden die bisherigen Schätzungen vom britischen Bankenlobby-Verband BBA erhoben und nicht unabhängig überprüft. Damit soll nun Schluss sein.

USA haben Druck ausgeübt

Der seit Jahren schwelende Skandal hat Londons Ruf als Finanzplatz erheblich beschädigt. US-Aufseher hatten die Bank of England bereits 2008 auf Manipulationen hingewiesen, der BBA bat damals die FSA um Rat. Doch weder die britische Notenbank noch die Finanzaufsicht mochten das heisse Eisen anfassen. Erst als Ende Juni die britische Traditionsbank Barclays wegen Libor-Manipulationen mit einer Rekordstrafe von umgerechnet 435 Mio. Fr. belegt worden war – wiederum unter Federführung von US-Ermittlern – brach die Eiterbeule auf.

Illustre Banken unter Verdacht

Die konservativ-liberale Regierung begrüsst die Reformideen. Diese seien «eine glaubwürdige Blaupause für die Zukunft», sagt Finanzstaatssekretär Greg Clark. Neben der bestraften Bank Barclays stehen weitere 20 Geldhäuser im Verdacht, die Libor-Angaben zu ihrem Vorteil manipuliert zu haben. Finanzminister George Osborne nannte namentlich UBS, Royal Bank of Scotland und Citigroup. Dazu kommen JP Morgan, Credit Suisse oder Bank of Tokyo- Mitsubishi. Allein UBS hat laut eigener Angabe etwa 20 Angestellte suspendiert oder entlassen. Laut Wheatley sollen künftig mehr als bisher 20 Banken ihre Zinssätze melden. Wer die Daten verarbeitet, soll binnen Jahresfrist ein halbstaatlicher Expertenrat unter Leitung der früheren Spitzenbeamtin Sarah Hogg entscheiden.