BREXIT: Easyjet flüchtet in die EU

Der Billigflieger baut einen Standort in Wien auf. Dies als Reaktion auf die Ungewissheit wegen des britischen EU-Austritts.

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Der Brexit bringt die europäische Luftfahrtindustrie in Bewegung. Gestern kündigte die britische Billigfluggesellschaft Easyjet den Aufbau eines neuen Firmenstandorts innerhalb der EU an. Sollte der «weit fortgeschrittene Akkreditierungsprozess» erfolgreich abgeschlossen werden, will die Airline rund 100 Jets in Wien stationieren. Während der Entscheid an der Londoner Börse zurückhaltend aufgenommen wurde, herrschte in der österreichischen Hauptstadt Jubel. «Die Qualität unseres Landes und seiner Menschen hat sich durch­gesetzt», sagte Bundeskanzler Christian Kern.

Seit des Votums des britischen Stimmvolks für den EU-Austritt vor gut einem Jahr weisen Experten auf künftige Pro­bleme der europäischen Luftfahrt hin. Zum gemeinsamen Luft­verkehrsraum ECAA gehören neben den EU-Staaten auch die Schweiz, Island und Norwegen; Voraussetzung ist aber die Anerkennung der gemeinsamen Spielregeln, der sich Grossbritannien durch den Austritt aus Binnenmarkt und Zollunion ja gerade entziehen will.

Daraus zog Easyjet den Schluss, es brauche für die Zukunft eine Flugberechtigung, das Air Operator Certificate (AOC), in einem EU-Land, um die reibungslose Abwicklung von Flügen innerhalb der EU zu gewährleisten. Dies betrifft rund 30 Prozent aller Routen, die derzeit von der Airline bedient werden. Das Geschäftsmodell des griechisch-zypriotischen Firmengründers und Serienunternehmers Stelios Haji-Ioannou beruhte auf der Integrität des Binnenmarktes, weshalb der Aktienkurs von Easyjet binnen Jahresfrist um gut ein Viertel abgeschmiert ist.

«Wirtschaftlicher Suizid historischen Ausmasses»

Bereits im Oktober weilte Easyjet-Chefin Carolyn McCall erstmals in Wien, beriet sich aber auch mit anderen Städten. Den Ausschlag gegeben für Wien als Zentrale der neuen Tochterfirma Easyjet Europe hätten der gute Ruf der Luftfahrtaufsicht Austro Control und positive Gespräche im Wirtschaftsministerium, hiess es gestern in London. Schon bisher benutzen rund eine Million Menschen den Billigflieger für Flüge von und nach Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt sowie Wien. In Zukunft werden weitere 30 Millionen Fluggäste «unter rot-weiss-roter Fahne fliegen», wie Kanzler Kern stolz sagte.

Laut Easyjet sind für die neue Tochterfirma zunächst Investitionen von umgerechnet 12,6 Millionen Franken veranschlagt. Ausdrücklich hiess es am Standort Luton, einer Industriestadt 40 Kilometer nördlich von London, in Grossbritannien sei keiner der 4000 Easyjet-Arbeitsplätze auf der Insel gefährdet. Insgesamt beschäftigt die Gruppe 11000 Arbeitnehmende, um mit 265 Jets jährlich 78 Millionen Passagiere an 124 Zielorte zu befördern.

Für den wichtigsten Rivalen Ryanair stellt sich das Brexit-Problem genau umgekehrt dar: Der in Irland ansässigen Firma könnte künftig das innerbritische Geschäft wegbrechen. Seit dem Entscheid der Briten schreckt sie Ryanair-Chef Michael O’Leary regelmässig mit düsteren Prognosen. Bis zum avisierten EU-Austritt im März 2019 sei ein vernünftiger Ersatz der bisherigen «Open Skies»-Bestimmungen nicht möglich, sagt O’Leary. Tausende Flüge müssten abgesagt werden, seine eigene Firma werde ihre Flotte vom Londoner Standort Stansted auf den Kontinent verlegen. O’Leary: «Brexit stellt einen wirtschaftlichen Suizid historischen Ausmasses dar.»

Sebastian Borger, London