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Breite Durchgänge und keine Stufen

Die Norm für hindernisfreie Bauten ist bald zehn Jahre alt. Die Bilanz fällt durchwachsen aus. Dabei macht die Alterung der Gesellschaft den Bau von Gebäuden ohne Hindernisse notwendiger denn je.
Andreas Lorenz-Meyer
Um die Bewegungsfreiheit im Alltag gewährleisten zu können, ist eine rechtzeitige Bedürfnisabklärung unerlässlich. (Bild: Andrey Popov/Getty (19. Februar 2016))

Um die Bewegungsfreiheit im Alltag gewährleisten zu können, ist eine rechtzeitige Bedürfnisabklärung unerlässlich. (Bild: Andrey Popov/Getty (19. Februar 2016))

Eine Rollstuhlfahrerin hatte eine Eigentumswohnung in einem Mehrfamilienhaus im Berner Jura gekauft. Die Pläne für Hauszugang, Durchgänge und Aufzug entsprachen zwar ihren Bedürfnissen, die Wohnung selbst war jedoch nicht rollstuhlgängig. Die Pläne mussten noch einmal überarbeitet werden. Hier schaltete sich das Zentrum für hindernisfreies Bauen (ZHB) der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung beratend ein.

Zusammen mit dem Architekten entwickelte man die Detailplanung für die Anpassungen. In der Küche wurde eine tiefere Arbeitsfläche eingesetzt, 80 statt 90 Zentimeter. Bei Spülbecken und Kochfeld liess man die Unterbaumöbel weg für eine freie Unterfahrt mit dem Rollstuhl. Auch im Badezimmer waren Änderungen notwendig, erklärt Dominik Widmer vom ZHB. Da die Bewohnerin einen Duschrollstuhl benutzt, brauchte es eine grössere Dusche von 1,20 mal 1,20 Metern. Zusätzlich wurde der Spiegelschrank tiefer montiert. Schliesslich der Balkonzugang: Hier war eine 10 Zentimeter hohe Schwelle vorgesehen. Widmer: «Die Bewohnerin hätte diese nicht überwinden können.» Daher plante man eine Hebe-Schiebe-Fenstertür mit bodenbündigem Übergang. Im März ist die Frau eingezogen.

Rollstuhlgängigkeit ist das wichtigste Kriterium

Nicht nur Rollstuhlfahrer, auch Geh-, Seh- oder Hörbehinderte stossen in Gebäuden ständig auf Hindernisse. Für Menschen mit Sehbehinderung zum Beispiel ist es nicht einfach, Treppenstufen zu erkennen. Um Stürze zu vermeiden, braucht es kontrastreiche Konturen. Entweder eine farbliche Markierung der Stufenvorderkanten in einer Breite von 40 bis 50 Millimetern. Oder die Kennzeichnung der oberen Austritte und der Bodenfläche vor der Treppe, um ihren Beginn zu markieren. Architektonische Gestaltungsmöglichkeiten, die bei eingeschränkter Sehfähigkeit die Orientierung erleichtern. Auch in den Fluren braucht es ordentliche Kontraste. Zum Beispiel weiss gestrichene Wände und dunkel gestrichene Türen. Die seit 2009 gültige SIA-Norm 500 sieht solche und viele andere Massnahmen vor, die Menschen mit Handicap ein Gebäude zugänglich machen sollen. Wobei nicht nur Menschen mit Behinderung vom «Design for all» profitieren. Jeder kann vorübergehend oder dauerhaft durch irgendeine «Behinderung» eingeschränkt sein. Sei dies, weil man beim Sport umgeknickt ist und auf Krücken angewiesen ist oder weil man altersbedingt schlechter hört und sieht. Besonders die demografische Entwicklung betrachtet Eva Schmidt vom nationalen Kompetenz- und Koordinationszentrum «Hindernisfreie Architektur – Die Schweizer Fachstelle» als wichtiges Argument pro hindernisfreies Bauen. Denn für jeden Menschen komme im Leben der Moment eingeschränkter Mobilität.

Wie sieht es dabei mit den spezifischen Anforderungen an Wohnbauten aus? Hier basieren die Anforderungen gemäss SIA-Norm 500 auf dem Prinzip des anpassbaren Wohnungsbaus. Schmidt erklärt die Grundsätze: «Alle Wohnbauten müssen vom Hauszugang bis zum Wohnungsgrundriss auch für Menschen mit Behinderung besuchsgeeignet sein, damit sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ihre Freunde besuchen können.» Wichtigstes Kriterium: die Rollstuhlgängigkeit. Denn wo sich ein Besucher im Rollstuhl bewegen kann, ist auch allen anderen die Nutzung möglich. Das bedeutet: ausreichende Durchgangsbreiten und keine Stufen. Zweitens muss die Wohnung nachträglich mit geringem baulichem Aufwand anpassbar sein, falls sich die Bedürfnisse der Bewohner ändern.

Die Regelung des Gesetzes ist bei Wohnbauten ungenügend, da es sich nur auf Wohnbauten mit mehr als acht Wohneinheiten bezieht.

Schmidts Zwischenbilanz nach bald zehn Jahren SIA-Norm 500 fällt so aus: «Die Norm ist ein praxistaugliches Instrument, es fehlt aber die konsequente Durchsetzung. Bestimmte Vorgaben werden nicht immer eingehalten und von den Bewilligungsbehörden auch nicht immer eingefordert. Zum Beispiel die minimalen Bewegungsflächen, die erforderlich sind, um Flügeltüren zu öffnen.» Lücken gibt es beim Gesetz über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (BehiG), welches Mindeststandards für behindertengerechtes Bauen setzt. Menschen mit Behinderung und Organisationen können damit die Einhaltung der Normen im Planungsprozess einfordern. «Die Regelung des Gesetzes ist bei Wohnbauten ungenügend, da es sich nur auf Wohnbauten mit mehr als acht Wohneinheiten bezieht», sagt Schmidt. Viele Kantone – darunter Zürich, Aargau, Appenzell, Bern, Uri – hätten in ihren Baugesetzen bessere Regelungen. Hier müssen Mehrfamilien­häuser schon ab vier oder sechs Wohneinheiten für alle zugänglich sein. Einige Kantone – Schaffhausen, Nidwalden – nahmen das BehiG zum Anlass, vormals bessere Regelungen zu reduzieren. «Das ist besonders deswegen problematisch, weil sich dadurch die Auswahl an Wohnungen reduziert, die geeignet sind, um auch bei Krankheit oder Gebrechlichkeit im Alter dort wohnen zu bleiben.» Die Auswirkungen seien vor allem in ländlichen Regionen oder Kleinstädten sehr gross, wo Wohnbauten selten mehr als sechs oder acht Wohneinheiten hätten.

Grundlegende Anforderungen rechtzeitig mit einplanen

Hindernisfreie Architektur sei leider noch immer keine Selbstverständlichkeit, fasst Schmidt zusammen. Selbst beim genossenschaftlichen Wohnungsbau werden die Normen für eine energiesparende Bauweise wesentlich besser und wohlwollender beachtet als die Normen für eine hindernisfreie Bauweise. Auch dort, wo die energiesparende Bauweise zu Mehrinvestitionen führt. Schmidt: «Offenbar lässt sich mit ökologischen Bauten besser Werbung machen als mit hindernisfreier Architektur. Die gesellschaftliche Nachhaltigkeit hat sich in der Welt der Planung noch nicht so richtig etabliert.» Erfolgsmeldungen gibt es aber schon. Vor allem bei Umbauten helfen die Fachleute der regionalen Beratungsstellen immer wieder, Lösungen zum Beispiel für hindernisfreie Sanitärräume zu finden. Einige Bewilligungsbehörden verlangen auch, dass die Fachstellen in die Planung einbezogen sind.

Bauherren und Architekten sollten die «grundlegenden geometrischen Anforderungen» rechtzeitig in die Planung einbeziehen, rät Schmidt. Dazu gehört in der Küche eine freie Bewegungsfläche vor Spüle, Abstellplatz und Herd von mindestens 1,40 mal 1,70 Metern. Das ermöglicht eine 180-Grad-Drehung vor den wichtigsten Küchenelementen. Auch sonst kommt es auf ausreichend Platz an. «Fehlen die Manövrierflächen neben Türen oder ist der Abstand zwischen Lifttüre und gegenüberliegendem Treppenabgang ungenügend, lässt sich das meist nur in einer frühen Projektierungsphase korrigieren.» Wichtig sei auch, von Anfang an eine hindernisfreie Zugänglichkeit über den Hauptzugang zu schaffen. Statt sich mit Umwegen über Nebeneingänge oder Tiefgarage zu behelfen.

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