Brasilien erobert Portugal

188 Jahre nach der Unabhängigkeit von Portugal will Brasilien der früheren Kolonialmacht aus der Krise helfen. Doch auch Brasilien ist heissbegehrt.

Ralph Schulze
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Lissabon. Brasilien könne dazu beitragen, die portugiesische Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen, sagte grossherzig der scheidende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. «Es ist an der Zeit, dass brasilianische Firmen auch in Portugal investieren.» Und an der Zeit zu beweisen, dass Brasilien dem einst so mächtigen Portugal heute etwas vormachen kann. Zum Beispiel wie man Krisen löst. Und wie man aus einem darbenden Land eine Goldmine macht.

Das hochverschuldete Portugal, das sich in einer tiefen Finanz- und Wirtschaftskrise befindet, ist seit Jahren das ärmste Land Westeuropas.

Wechselseitige Investitionen

Es gebe «einen wachsenden Fluss brasilianischer Investitionen in Portugal», bestätigt ein Berater Lulas. Auch weil die lateinamerikanische Grossmacht die abschmierende frühere Kolonialmacht, mit der sie die Sprache teilt, als Einfallstor nach Europa sieht.

Der brasilianische Flugzeugbauer Embraer will etwa im portugiesischen Évora für mehrere hundert Millionen Euro eine Flugzeugfabrik bauen. Der Ölkonzern Petrobas plant mit dem portugiesischen Partner Galp in Sines eine Biodiesel-Raffinerie für den europäischen Markt.

Umgekehrt versuchen die Portugiesen, in dem aufstrebenden Schwellenland wieder Fuss zu fassen.

Das grosse Brasilien sei von «strategischer Bedeutung» für das kleine Portugal, sagte der portugiesische Ministerpräsident José Sócrates. Allen anderen voran eroberte Portugal Telecom diesen Markt, schwang sich zu einem der grossen Netzbetreiber Brasiliens auf, macht dort heute ein Drittel seines Umsatzes. Auch in der Tourismusbranche an der Copacabana mischen portugiesische Hoteliers kräftig mit.

«Es gibt genug Geld»

Jetzt sollen, nach Lulas Worten, noch mehr portugiesische Unternehmen nach Brasilien kommen, bei den enormen Infrastrukturprojekten Brasiliens anpacken. Vor allem die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 böten ein riesiges Investitionspotenzial. Strassen, Stadien, Häfen und Flughäfen müssten gebaut werden. «Es gibt genug Geld», warb Industrieminister Miguel Jorge jüngst in Spendierlaune auf der Iberischen Halbinsel.

Spanien streitet um Einfluss

Die Regionalmacht Brasilien, zehntgrösste Volkswirtschaft der Welt, glänzt 2010 mit einer Wachstumsrate von voraussichtlich 7%. Kein Wunder, dass sich das kriselnde Portugal, wo nur ein Zuwachs zwischen 1% und 2% erwartet wird, an den grossen Bruder Brasilien klammert.

Auch Wirtschaftsdelegationen aus anderen europäischen Ländern geben sich in der Hauptstadt Brasilia die Klinke in die Hand, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

Punkto bilateraler Handel hat unter den Europäern Deutschland als viertgrösster Handelspartner Brasiliens hinter China, USA und Argentinien die Nase vorn. Aber bei den Investitionen sind die Spanier die Grössten. Sie versuchen ihre Krise ebenfalls mit Hilfe Lateinamerikas zu überwinden. Die Spanier stiegen in den letzten zehn Jahren mit Gesamtausgaben von 40 Mrd. € zum zweitgrössten Investor in Brasilien hinter den USA auf. Spaniens Grossbank Santander ist in Südamerika ganz vorne dabei. Genauso wie Telefónica oder Repsol.

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