«Botschafter der Bank»

Im Strafprozess gegen den früheren UBS-Händler Adoboli hat dessen früherer Chef ausgesagt. Laut Verteidigung waren der Investmentbank hohe Gewinne wichtiger als Risikomanagement.

Sebastian Borger
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Der ehemalige UBS-Händler Kweku Adoboli verlässt das Krongericht Southwark für eine Lunchpause. (Bild: ap/Sang Tan)

Der ehemalige UBS-Händler Kweku Adoboli verlässt das Krongericht Southwark für eine Lunchpause. (Bild: ap/Sang Tan)

LONDON. «Könnte ich bitte eine Pause haben?» Überrascht blickt Richter Brian Keith auf den Mann im Zeugenstand. Pausen seien eigentlich erst später üblich, erläutert Keith das übliche Prozedere im Saal 3 des Krongerichts von London-Southwark. Gerade wollte er dem Verteidiger des wegen Betrugs angeklagten früheren UBS-Händlers Kweku Adoboli wieder das Wort erteilen – da beginnt der Zeuge Ron Greenidge bedrohlich zu schwanken, zeigt Symptome eines Schwächeanfalls. Der Gerichtsdiener schiebt dem früheren Investmentbanker gerade noch rechtzeitig einen Stuhl unter, rasch wird Greenidge ein Glas Wasser gereicht. Keith muss sich geschlagen geben: «Also unterbrechen wir die Sitzung schon jetzt für 20 Minuten.»

Erstes Kreuzverhör

Den ganzen Tag über musste sich Greenidge gestern die Fragen von Verteidiger Charles Sherrard gefallen lassen – das erste Kreuzverhör im Prozess gegen Adoboli, dem die Anklage zweifachen Betrug und zwei Fälle von vorsätzlich falscher Bilanzierung vorwirft. Mit seinen nicht genehmigten Wetten am Delta-One-Desk der Londoner UBS-Investmentbank hatte der 32-Jährige vor Jahresfrist 2,25 Mrd. $ verloren; laut Anklage war er «kurz davor, die Existenz der Bank zu riskieren».

Frühere Beurteilungen Adobolis zeichnen ein positives Bild des Händlers. Kollegen erlebten ihn als «stets hilfsbereit, freundlich, auch in Stresssituationen ruhig». Sein langjähriger Vorgesetzter Greenidge sah Adoboli als «Botschafter der Bank» und «vorbildlichen Angestellten», warnte den ehrgeizigen Händler aber auch vor dem Risiko eines Burn-out.

Die Nachricht von Adobolis mutmasslichem Milliardenbetrug traf Greenidge wie ein Donnerschlag: «Ich konnte das nicht glauben.» Vor Gericht tritt der erfahrene Banker zwar als Zeuge der Anklage auf. Doch war im Kreuzverhör die Bitterkeit spürbar, die der Londoner über seinen langjährigen Arbeitgeber UBS empfindet. «Ich wurde zum Sündenbock gemacht, mein guter Ruf galt nichts mehr», sagte Greenidge. Tatsächlich gehörte der Leiter von Adobolis Abteilung zu jenen Londoner UBS-Leuten, die wegen «erheblichen Fehlverhaltens» ohne Abfindung in die Wüste geschickt wurden.

Profit vor Risikomanagement?

Die UBS wird nicht müde zu betonen, dass «nur eine einzige Person unter Anklage stehe», und der Prozess habe «nichts mit UBS zu tun». Verteidiger Sherrard offenbarte in Frageform eine andere Strategie für seinen Mandanten: «War Geld verdienen für die Bank wichtiger als Risikomanagement?» Sherrard beschrieb die personellen Veränderungen bei der UBS im Jahr 2011, ehe Adoboli im vergangenen September aufflog. Zu Jahresbeginn 2011 kamen mehrere Händler der Deutschen Bank zur UBS, woraufhin deren Geschäft aggressiver geworden sei. «Dem kann ich nicht widersprechen», sagte Zeuge Greenidge. Während Adobolis Team 2010 11,5 Mio. £ erwirtschaftete, betrug der Gewinn allein im 1. Halbjahr 2011 fast 64 Mio. £ (97 Mio. Fr.).

Ob damals bei der UBS zunehmend die vorgeschriebene Obergrenze für Börsengeschäfte von täglich 50 Mio. $ überschritten worden sei, um die Profite zu steigern, fragte Verteidiger Sherrard. «Nicht in meinem Team», antwortete Zeuge Greenidge.