Boom der Kohle ist vorbei

Der Preis für Kohle fällt immer weiter, und trotzdem zieht die Nachfrage nach dem Energieträger nicht an. Besonders für die amerikanischen Produzenten wird es nun eng.

Christian Mihatsch
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Wenn der Preis fällt, steigt die Nachfrage. Doch für den Kohlemarkt scheint diese Regel nicht mehr zu gelten. Ausser in Indien fällt die Nachfrage nach Kohle in den meisten Ländern, obwohl der Kohlepreis in den letzten vier Jahren um 60% gefallen ist.

Während sich der Ölpreis wieder stabilisiert hat, kennt der Preis für Kohle nur eine Richtung: nach unten (siehe Grafik). Grund des Preisverfalls ist ein steigendes Angebot bei stagnierender Nachfrage. Die Minenkonzerne und Exportländer reduzieren trotz des Preisverfalls die Produktion nicht. Ähnlich wie das Ölkartell Opec versuchen sie, ihren Marktanteil zu verteidigen, und hoffen, dass der Preis irgendwann wieder steigt.

Chinas Kohlekonsum sinkt

«Es ist die gleiche Strategie wie bei Öl», sagt Guillaume Perret, Direktor der Londoner Beratungsfirma Perret Associates. «Die Minenkonzerne, besonders jene mit niedrigen Produktionskosten, fördern weiter und drängen teurere Rivalen aus dem Markt.» Hinzu kommt, dass der starke Dollar für Produzenten ausserhalb der USA einen Teil des Preisverfalls kompensiert.

Ob die Rechnung der Minenkonzerne aufgeht, hängt aber von der Nachfrage ab. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzte letztes Jahr, dass die globale Kohlenachfrage bis 2019 um 2,1% pro Jahr zunimmt. Drei Fünftel dieses Wachstums sollen auf China entfallen, das für die Hälfte des globalen Kohlekonsums verantwortlich ist. Doch hier könnte die IEA falsch liegen: Vergangenes Jahr ist der Kohlekonsum Chinas um 2,4% gefallen. Das liegt zum einen am geringeren Wirtschaftswachstum. Zum anderen investiert das Land auch massiv in Sonnen-, Wind-, Wasser- und Atomkraft. Wegen der hohen Luftverschmutzung in vielen chinesischen Städten schliesst die Regierung zudem ältere, ineffiziente Kohlekraftwerke. Viele Beobachter gehen daher davon aus, dass der Kohleverbrauch in China ab jetzt zurückgeht: «Die Nachfrage nach Kohle hat in China den Scheitelpunkt überschritten», sagt Laban Yu, Analyst der US-Investmentbank Jefferies. «Die Nachfrage ging letztes Jahr zurück und wird dieses Jahr vielleicht noch stärker sinken. Die Kohlepreise werden sich nie erholen.»

In den USA, dem zweitgrössten Markt für Kohle, sieht es ähnlich aus: Der Markt hat sich strukturell geändert, und die Kohlenachfrage sinkt weiter. Die Gründe dafür sind ähnlich wie in China: der Ausbau erneuerbarer Energien und Verordnungen zur Verbesserung der Luft. Zudem ist der Gaspreis dank Fracking so stark gesunken, dass inzwischen gleich viel Strom aus Gas wie aus Kohle erzeugt wird.

Indien als letzte Hoffnung

In den letzten zehn Jahren ist der Kohleverbrauch daher um 10% gesunken. Als Folge hat sich der Aktienkurs der drei grössten US-Kohleproduzenten Peabody Energy, Arch Coal und Alpha Natural Ressources dieses Jahr halbiert. Die australische Bank Macquarie warnt vor einer Pleitewelle in der US-Kohleindustrie. Dabei sind in den letzten Jahren bereits 26 Kohleproduzenten bankrott gegangen.

Letzte Hoffnung der Industrie ist Indien: Hier wächst der Kohleverbrauch noch, und das Land überholt dieses Jahr China als weltgrössten Importeur. Doch Indien hat eigentlich genug heimische Kohle für seinen Bedarf. Energieminister Piyush Goyal will daher den Import von Kohle in den nächsten «zwei bis drei Jahren» auf null reduzieren. Das macht auch ökonomisch Sinn: Indien produziert die Tonne Kohle für 24 $. Das ist weniger als die Hälfte des Weltmarktpreises.