«Blockchain zum Anfassen»

Die Technologie stehe noch ganz am Anfang, sagt FHS-Dozent Pascal Egloff. Doch die Blockchain sei auch ausserhalb der Finanzwelt anwendbar: Ein Baustein dazu ist ein Chip, den man auf Kärtchen, Röhren oder Diplome kleben kann. Egloff stellte ihn gestern am Forum «Blockchain for Business» vor.

Kaspar Enz
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Pascal Egloff erklärt am Forum die Chancen der Blockchain-Technologie. (Bild: Urs Bucher)

Pascal Egloff erklärt am Forum die Chancen der Blockchain-Technologie. (Bild: Urs Bucher)

Die Besucher des zweiten «Blockchain for Business»-Forums der Fachhochschule St. Gallen, erhielten ein Stück Blockchain zum Anfassen. So nannte Pascal Egloff, Dozent und Projektleiter beim Kompetenzzentrum für Banking und Finance der FHS, den Chip, der auf dem Teilnahmekärtchen klebte, das alle Besucher bekamen. Der Chip war eine Kooperation der FHS mit drei Ostschweizer Unternehmen: Dem Beratungsunternehmen Incon aus St.Gallen und den beiden Herisauer Firmen Blockchain Trust Solutions und Klebe-Technik AG. 

Sie haben den Forumsteilnehmern einen Chip auf ein Kärtchengeklebt. Dieser sagt einer Blockchain, dass jemand teilgenommen hat. Spielerei oder Durchbruch?

Pascal Egloff: Ein bisschen von beidem. Noch ist der Nutzen überschaubar. Wirklich Sinn macht eine Blockchain erst, wenn man sie in Kooperation mit anderen nutzt. Ein Durchbruch ist es aber vielleicht, weil er zeigt, dass man die Technologie mit einfachen Mitteln nutzen kann.

Zum Beispiel?

Denkbar wäre es für Kontrollaufgaben: Um die Dichte einer Röhre zu prüfen, könnte man einen ähnlichen Chip ankleben. Ein Kontrolleur könnte über sein Handy bestätigen, dass er die Röhre kontrolliert hat. So wäre nachvollziehbar, wer wann was getan hat.

Auch Diplome der FHS könnten so in die Blockchain integriert werden?

Das wäre eine Möglichkeit. So könnte man bestätigen, dass es sich um ein echtes Diplom handelt. Es wäre eine Art digitales Siegel. Interessant wäre vor allem eine Zusammenarbeit mit anderen Bildungsinstitutionen. So könnte man alle Abschlüsse einer Person in der Blockchain abbilden. Das würde den Bewerbungsprozess vereinfachen. Es gibt Projekte, die in die Richtung gehen. Es gibt auch Unternehmen, die sich in die Richtung öffnen. Es ist aber nicht immer einfach. Für eine Blockchain müssen sich die Unternehmen auf eine Zusammenarbeit, auf Standards einigen. Und oft denkt halt jeder noch zuerst ans eigene Gärtchen.

Der Chip auf der Teilnahmebestätigung sendet ein Signal an die Blockchain. (Bild: Urs Bucher)

Der Chip auf der Teilnahmebestätigung sendet ein Signal an die Blockchain. (Bild: Urs Bucher)

Könnte das ein Problem werden? Die Kooperation kommt nicht zu Stande, oder sie wird von marktmächtigen Playern beispielsweise Zulieferern aufgezwungen.

Wenn ein wirklich mächtiger Player Druck aufsetzt, muss man dem vielleicht wirklich nachgeben. Aber der Vorteil der Blockchain ist ja, dass jeder Teilnehmer nur diejenigen Daten sieht, die er auch sehen muss. Ein Beispiel dafür ist Cardossier.

Blockchain

Statt nur an einem Ort soll eine Liste von Daten von verschiedenen Orten aus zugänglich sein, und immer überall auf dem neusten Stand. Das Protokoll zeichnet alle Veränderungen auf, und werden für alle Nutzer ständig aktualisiert. So entsteht nicht nur ein Datensatz, der immer aktuelle Informationen enthält. Anhand des Protokolls lässt sich auch der Entstehungsprozess nachvollziehen. Bekannt geworden ist die Blockchain durch Kryptowährungen wie Bitcoin. Doch auch ausserhalb der Finanzindustrie sind Anwendungen denkbar. Sie versprechen einen Gewinn an Transparenz und Effizienz. (ken)

Wie funktioniert das?

Das Projekt ist ein Zusammenschluss von Strassenverkehrsämtern, Versicherungen und Autoimporteuren. Ziel ist es, die Geschichte eines Autos auf der Blockchain abzubilden. Wann es gekauft wurde, wann ein Service gemacht wurde, sieht nur wer es wissen muss. Aber die Daten müssen nur einmal eingetragen werden. Das spart eine Menge an administrativem Aufwand, weil nicht jeder alles abtippen muss.

In erster Linie geht es um Effizienzgewinne?

Das wäre die Hoffnung. Man spart auch einen Intermediären, der zwischen den Parteien vermittelt. Und trotzdem kann ich drauf vertrauen, dass die Informationen bestätigt sind.

Die Blockchain macht keine Fehler?

Wenn falsche Informationen eingegeben werden, sind Fehler drauf. Aber es gib Mechanismen, um diese zu finden. Und man kann genau nachvollziehen, wo die Fehler herkommen.

Wo wird die Blockchain schon tatsächlich genutzt?

Der bekannteste Fall ist wohl Bitcoin. Und die Finanzwelt ist der Treiber der Technologie, dort kommt sie auch her. Die Schweizer Börse ist dabei, eine Blockchain-Anwendung einzuführen.

Gibt es Projekte Ausserhalb der Finanzwelt?

Es gibt schon Anwendungen, bei denen es darum geht, Produkte entlang der Lieferkette nachzuverfolgen: Das Uhren- und Schmuckunternehmen Gübelin, das mit der Blockchain die Herkunft von Edelsteinen transparent macht ist ein Beispiel. Auch im Energiesektor gibt es Projekte. Aber wir stehen noch ganz am Anfang einer Entwicklung.

Ihr Institut berät auch Unternehmen zum Thema Blockchain. Was raten sie ihnen?

Die Blockchain ist kein Selbstzweck. Niemand kauft ein Produkt, weil eine Blockchain dahintersteckt. Die Technologie muss einen Nutzen bringen. Ein Handelsunternehmen könnte zum Beispiel sagen, sie können den Produktionsprozess und die Herkunft eines Produktes aufzeigen. Ob das Unternehmen dafür eine Blockchain anwendet, ist für den Kunden nicht entscheidend. Wir raten jedenfalls den Unternehmen, sich mit dem Thema zu befassen, damit sie wissen, was auf sie zukommt. Für manche ist es eine Chance, für andere eine Gefahr.

Für wen ist die Technologie gefährlich?

Die Blockchain ersetzt in erster Linie Intermediäre, Stellen, die zwischen Marktteilnehmern vermitteln. Das war bis anhin vielerorts ein gutes Geschäftsmodell.

Nestlé will Milch auf Blockchain bringen

Der Nahrungsmittelmulti Nestlé will die Herkunft von Lebensmitteln wie Milch auf einer Blockchain abspeichern. Dazu startet das Westschweizer Unternehmen einen Pilotversuch mit der Blockchain-Plattform OpenSC.