Bitterer Abgang

Rohner Textil, ein Rheintaler Nischenplayer, machte in den Neunzigerjahren Furore mit kompostierbaren Textilien. Aber auch diese Innovationskraft konnte den Verkauf und die Auflösung des Betriebs nicht verhindern. Verkauft fühlen sich auch die Mitarbeiter. Andreas Fagetti

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Harte Zeiten: Produktionsleiter Walter Fehle und Textildesigner Lothar Pfister müssen bei der Auflösung «ihres» Betriebes mithelfen.

Harte Zeiten: Produktionsleiter Walter Fehle und Textildesigner Lothar Pfister müssen bei der Auflösung «ihres» Betriebes mithelfen.

Während 25 Jahren hat Lothar Pfister, 61, sein Herzblut an Rohner Textil vergossen. Das sei ein Blödsinn gewesen, resümiert der Textildesigner und Leiter Entwicklung. «Man sollte sich nicht zu eng an einen Betrieb binden, sonst wächst er dir zu sehr ans Herz.» Betriebstreue lohnt sich nicht, heisst das.

Fleissig und bescheiden

Jetzt, wo es zu Ende geht und der einst blühende Betrieb bis Ende Jahr aufgelöst wird, fühlt sich auch Textiltechniker und Produktionsleiter Walter Fehle, 54, von der Mutterfirma Lantal Textiles in Langenthal, die Rohner Textil eben verkauft hat, schäbig behandelt. Die beiden Kaderleute müssen mithelfen, den Betrieb bis Ende Jahr aufzulösen. Es sind bittere Wochen.

Jetzt sitzen sie einen Steinwurf von ihrem Betrieb in einer Pizzeria und erzählen von ihrer Enttäuschung. Es sind keine Männer grosser Worte. Sie verkörpern, was man dem Menschenschlag im Rheintal hüben und drüben des Alpenflusses nachsagt: Fleiss, Bescheidenheit und alemannische Zurückhaltung.

Aber Lothar Pfister aus Balgach und Walter Fehle aus Lauterach bejammern nicht ihr Schicksal: Die beiden Kaderleute kämpfen um eine angemessene Abgangsentschädigung für die kleine, betriebstreue Belegschaft. 26 Personen sind es. «Rohner Textil konnte schliesslich nicht zuletzt wegen unserer Innovationen verkauft werden.» Von dem, was sie über die Jahre eingebracht haben, möchten sie nun etwas zurück. Dafür sind Walter Fehle und Lothar Pfister vorne hingestanden, dafür haben sie die Gewerkschaft Unia eingeschaltet, dafür haben sie die Öffentlichkeit gesucht. Das sei ja nicht nur angenehm und habe Überwindung gekostet.

Klein, aber oho

Bis zuletzt überzeugte der Nischenplayer Rohner Textil mit Standort Heerbrugg durch seine Innovationskraft. Die Schliessung kleiner Betriebe wirft für gewöhnlich keine hohen Wellen und ist, wenn überhaupt, höchstens eine Randnotiz wert. Von Rohner Textil nahmen die Medien allerdings nicht erst seit der im Juni angekündigten Betriebsschliessung Notiz. In den Neunzigerjahren machte der Betrieb mit ökologischen Textilien Furore – sie lassen sich kompostieren, sie sind hautverträglich, sie sind feuerfest, sie sind überaus langlebig.

Neuanfang am Tiefpunkt

Aber wie manch andere Erfolgsgeschichte begann auch die von Rohner Textil an einem Tiefpunkt. Anfang der Achtzigerjahre kämpfte das Unternehmen mit hohen Lohnkosten, ausländischer Billigkonkurrenz und Umweltauflagen. Nicht grüner Idealismus, sondern ökonomischer Druck brachte den damaligen Geschäftsführer Albin Kälin auf eine Idee, die dem Betrieb die Zukunft sicherte: Er ersetzte Baumwolle, die sich nur mit viel Chemie färben lässt, durch die Naturfaser Ramie. Diese Faser nutzten bereits die Ägypter bei der Mumifizierung.

Aus einem Gemisch aus Wolle, Ramie und Polyester kreierte man in Heerbrugg den Möbelstoff Climatex. Damit hatte man nicht nur das Abwasserproblem ohne den Bau einer teuren Reinigungsanlage gelöst – jetzt verfügte man auch über einen umweltverträglichen Stoff. 1993 führte Rohner Textil ein «Ökoprozent» ein und reservierte ein Prozent des Umsatzes für ökologische Investitionen.

«Uns ging es blendend, andere Textilbetriebe haben uns beneidet», erinnert sich Lothar Pfister. Und das im Umfeld einer einst blühenden Branche, die Tausenden ein Auskommen bot, aber in wenigen Jahrzehnten massiv geschrumpft war.

Kompostierbarer Stoff

Die Climatex-Linie wurde ständig weiterentwickelt. Dank eines Impulses aus den USA schuf das Unternehmen den ersten kompostierbaren Textilstoff. Climatex Lifecycle war erfunden. Wissenschafter und Umweltverbände begannen sich für die Firma zu interessieren, ihre Stoffe fanden Eingang in internationale Ausstellungen und gewannen Preise – so im Jahr 2000 den mit 40 000 Pfund dotierten «Design Sense» für Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit, den Rohner Textil im Londoner Designmuseum entgegennehmen durfte. Albin Kälin wurde im Rheintal zum Unternehmer des Jahres gewählt. Nachdem Rohner Textil 1999 wieder einmal den Besitzer gewechselt hatte, verliess der erfolgreiche Geschäftsführer bald darauf das Unternehmen.

Mit 9/11 begann der Abstieg

Dem Unternehmen setzten 2001 die tragischen Ereignisse des 9. September zu. Wegen 9/11 brach der für Rohner Textil wichtige New Yorker Markt ein. Seither kam der Betrieb nicht mehr aus den Schwierigkeiten heraus. Jahre arbeitete man kurz. Zuletzt hielt ebenfalls ein Unternehmer des Jahres die Aktienmehrheit – Lantal-Chef Urs Rickenbacher. Mit ihm und dem Mutterhaus ist die Rohner-Textil-Crew unzufrieden.

Zwar hat Lantal eine Jobbörse eingerichtet. Allerdings haben laut Pfister viele Mitarbeiter auf eigene Initiative eine Stelle gefunden – nicht zuletzt dank einiger grosszügigen Rheintaler Unternehmen. Der Stachel im Fleisch der Crew sind vielmehr die fehlenden Abgangsentschädigungen. Sie fühlt sich geringgeschätzt und abserviert. Auch wenn dabei alle gesetzlichen Vorschriften eingehalten wurden, wie Urs Rickenbacher vor den Medien betonte.

Pfister und Fehle verweisen auf ähnliche Betriebsschliessungen. «Da gab es einen Sozialplan. Und Abgangsentschädigungen von etwa einem Monatsgehalt pro fünf Jahre Betriebszugehörigkeit.» Wichtig sei das vor allem für ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Lothar Pfister ist mit seinen 61 Jahren selbst ein solcher Fall. Er will sich als Berater und freischaffender Textildesigner durchschlagen. Und Walter Fehle? Eine vergleichbare Stelle findet er nicht mehr. «Ich muss umsatteln und in meine Ausbildung investieren.»

Konsequent geblieben ist die Mannschaft trotz allem bis zum Schluss: Sie hat Climatex Longlife entwickelt – einen feuerfesten und langlebigen Stoff. Noch ist er nicht richtig lanciert am Markt. «Aber von dieser Innovation profitieren unsere Nachfolger noch Jahre», sagt Lothar Pfister. Und in seinen Augen leuchtet der Stolz des Fachmanns.

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