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Billigsupermärkte erobern die USA

Die «Dollar Stores» profitieren vom Strukturwandel im amerikanischen Detailhandel und eröffnen gerade in armen Landesteilen täglich neue Filialen. Diese Expansion stösst auf Kritik.
Renzo Ruf, Slanesville
Ein «Dollar Store» im New Yorker Stadtteil Brooklyn. (Bild: Spencer Platt/Getty (11. Dezember 2018))

Ein «Dollar Store» im New Yorker Stadtteil Brooklyn. (Bild: Spencer Platt/Getty (11. Dezember 2018))

Es ist kurz vor Mittag, und auf dem Parkplatz des «Dollar General» in Slanesville herrscht reger Betrieb. Alice Myers verstaut eine Handvoll Plastiksäcke in ihrem Jeep, während sie über den Billigsupermarkt ins Schwärmen kommt. Das Sortiment sei gross, die Preise niedrig und das Personal sehr freundlich. Zudem schätze sie es, dass sie nicht regelmässig in die nächste Provinzstadt fahren müsse, die 45 Autominuten entfernt ist, um dort ihre Einkäufe zu tätigen. Dass es im «Dollar General» kein frisches Gemüse zu kaufen gibt, und das Fleisch tiefgefroren ist, störe sie zwar «manchmal», sagt Myers, aber wenn man in den Hügeln von West Virginia wohne, dann müsse man halt einige Nachteile in Kauf nehmen.

So wie Myers klingen die meisten Kundinnen, die an diesem Wintermorgen Auskunft geben. Sie schätzten sich glücklich, sagen sie, dass es in ihrem Dorf noch Auswahl gibt: Nebst dem «Dollar General» steht auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Filiale des Konkurrenzunternehmens «Family Dollar».

Alteingesessene Läden werden verdrängt

In den Augen von Marie Donahue ist es kein Zufall, dass es gerade im ländlichen Slanesville – in dem der Durchschnittshaushalt jährlich etwas mehr als 36 500 Dollar verdient – zwei «Dollar Stores», wie die Billigsupermärkte im Volksmund heissen, um Kunden buhlen. Im Gespräch sagt Donahue: Zwar stimme es, dass ein «Dollar General» oder ein «Family Dollar» bisweilen eine Versorgungslücke stopfe, in einer Ortschaft, die zu klein für einen herkömmlichen Supermarkt sei. Aber ihrer Meinung nach gäbe es zunehmend Hinweise darauf, dass diese Läden kein Nebenprodukt der ökonomischen Probleme strukturschwacher Regionen seien, «sondern die Ursache». Denn die Marktmacht der «Dollar Stores» sei derart gross, dass der Konkurrenz der Schnauf ausgehe.

Donahue arbeitet für das «Institute for Local Self-Reliance», eine Selbsthilfeorganisation für das strukturschwache Amerika. Ihre Kritik an den «Dollar Stores» ist deshalb nicht weiter erstaunlich. In einem Aufsatz untermauert sie ihre Breitseite aber mit Zahlen. So sind «Dollar Stores» in wirtschaftlich schwachen Staaten im Süden der USA sowie in den Hügeln der Appalachen an der Ostküste klar übervertreten. Es sind just diese Regionen, die vom Strukturwandel der amerikanischen Volkswirtschaft besonders hart getroffen wurden – im Verwaltungsbezirk Hampshire County zum Beispiel, zu dem Slanesville zählt, ist der grösste private Arbeitgeber eine lokale Bank sowie ein esoterisches Meditationszentrum. Eigentliche Produktionsbetriebe gibt es nicht, und den Touristikern fehlt es an neuen Ideen. Weil Donahue in den «Dollar Stores» eine eigentliche Bedrohung sieht, erteilt sie der lokalen Bevölkerung auch Ratschläge, wie sie sich gegen die Neuansiedlung von Billigsupermärkten wehren könne. Sie verweist auf das Beispiel Tulsa in Oklahoma: Im April 2018 verabschiedete das Stadtparlament von Tulsa einen neuen Zonenplan für einen mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil, der die Eröffnung neuer «Dollar Stores» stark erschwert. Die treibende Kraft hinter diesem Moratorium war die lokale Aktivistin Vanessa Hall-Harper, die mit eigenen Augen sah, wie die «Dollar Stores» alteingesessene Detailhändler verdrängten.

Auch Lebensmittel wie Brot und Reis

Es gibt aber auch Stimmen, die mit der Fundamentalkritik an den «Dollar Stores» nichts anfangen können. Sie weisen darauf hin, dass die Billigsupermärkte ein echtes Bedürfnis erfüllten. So sagt Professorin Elizabeth Racine, die an der University of North Carolina at Charlotte über öffentliche Gesundheit forscht: Natürlich warteten in einem «Dollar General» Snacks und Süssgetränke und Billigspielzeug auf die Kundschaft. Gleichzeitig gäbe es aber auch nahrhafte Lebensmittel wie Bohnen, Reis oder Brot zu kaufen.

Auch Pete Pacelli hat sich mit den aggressiv expandierenden «Dollar Stores» abgefunden. Zusammen mit seiner Frau Kate betreibt er seit vier Jahren den Laden «Farmer’s Daughter» in Capon Bridge, 20 Autominuten von Slanesville entfernt. Die Pacellis verkaufen nicht nur Gemüse und Früchte, sondern auch frisch geschlachtetes Fleisch, von Tieren aus lokaler Zucht. «Damit sprechen wir ein anderes Publikum an», sagt Pete Pacelli. Ein Publikum, das etwas mehr Geld für frische Produkte bezahlen kann.

Hunderte neue Filialen

Die Expansion der «Dollar Stores» hält ungebremst an. Dieses Jahr will die Dollar General Corporation in den USA mehr als 900 neue Filialen eröffnen. Das Konkurrenzunternehmen Dollar Tree Stores Inc. plant die Eröffnung von 350 «Dollar Tree»- und 200 «Family Dollar»-Geschäften. Bereits heute betreiben die beiden etwa gleich grossen börsenkotierten Unternehmen mehr als 30 300 Filialen in den USA. Ein Grund für den Erfolg sind die tiefen Investitions- und Betriebskosten der «Dollar Stores». Die Dollar General Corporation hat sich übrigens bereits von einiger Zeit vom Konzept verabschiedet, dass jeder Artikel höchstens 1 Dollar kosten darf. Auch in einem «Family Dollar» gibt es zahlreiche teurere Artikel. Derweil hält «Dollar Tree» am Werbespruch fest: «Alles ist 1 Dollar. Was werden Sie finden?» (rrw)

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