BILLIGERES ROHÖL: Der Ölpreis fällt wieder

Pünktlich zur Reisezeit geht der Ölpreis zurück. Der Versuch der Opec, den Preis hochzutreiben, ist gescheitert. Was Autofahrer freut, belastet die Ölexportländer.

Christian Mihatsch
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Auf dem Ölfeld Khurais der saudischen Ölgesellschaft Saudi Aramco. (Bild: Ali Haider/EPA)

Auf dem Ölfeld Khurais der saudischen Ölgesellschaft Saudi Aramco. (Bild: Ali Haider/EPA)

Christian Mihatsch

Der Ölpreis ist innert eines Monats um über 15% gefallen. Ein Fass der Nordseesorte Brent ist jetzt für unter 45 $ zu haben. So wenig hat Öl zuletzt im November vergangenen Jahres gekostet (siehe Grafik). Damals beschloss das Ölkartell Opec zusammen mit Russland, die Ölproduktion um 1,8 Mio. Fass pro Tag oder 2% der globalen Fördermenge zu reduzieren. Dieses Abkommen galt zunächst für ein halbes Jahr und vermochte den Preis auf bis zu 57 $ hochzutreiben. Im Mai dieses Jahres wurde die Vereinbarung um weitere neun Monate bis März 2018 verlängert. Trotzdem herrscht auf dem Ölmarkt nach wie vor ein Überangebot.

In den vergangenen Monaten haben drei Länder ihre Ölförderung gesteigert: die beiden Opec-Mitglieder Nigeria und Libyen sowie die USA. Nigeria und Libyen waren von der Opec-Förderkürzung ausgenommen, da ihre Produktion letzten November wegen Bürgerkriegs (Libyen) und Unruhen (Nigeria) deutlich unter dem Normalen lag. Doch nun normalisiert sich die Ölproduktion in diesen Ländern wieder. Allein im Mai konnten die beiden Länder 340000 Fass pro Tag mehr pumpen als im April, und die Produktion steigt weiter. «Die Opec hat guten Willen gezeigt, als sie einige Länder von der Förderkürzung ausgenommen hat», sagt Lukman Otunuga von der Devisenhandelsplattform Fxtm. «Doch das rächt sich jetzt.»

Saudi-Arabien auf der Verliererseite

Noch schneller steigt allerdings die Ölproduktion in den USA. Besonders Firmen, die mit der Fracking-Technik Schieferöl fördern, können ihre Produktion sehr schnell ausweiten, wenn der Ölpreis steigt. So hat sich die Zahl der Bohrtürme in den vergangenen neun Monaten mehr als verdoppelt, und die Ölproduktion ist um gut 800000 Fass pro Tag gestiegen. Damit haben die drei Länder gut die Hälfte der Förderkürzung der anderen Opec-Länder und Russlands kompensiert. Die Opec-Förderkürzung werde als «Opec-Versagen und US-Gewinn» gesehen, sagt denn auch Tony Headrick vom US-Rohstoffhändler CHS Hedging.

Gewinner sind auch die Konsumenten in Europa und vor allem Autofahrer just zu Beginn der Ferienzeit. Verlierer sind hingegen Ölförderländer wie Saudi-Arabien. Dieses hat bereits zwei magere Jahre hinter sich: Vorletztes Jahr lag das Haushaltdefizit bei 15% des Bruttoinlandprodukts (BIP) und letztes Jahr sogar bei über 17%. Vor einem Monat, bei einem Ölpreis von über 50 $, haben Analysten laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg mit einem Defizit von knapp 8% in diesem Jahr gerechnet. Wie das Defizit bei einem Preis von 45 $ aussieht, ist aber noch nicht bekannt. Unklar sind auch die Folgen für eines der wichtigsten Projekte des neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman: den Börsengang von Saudi Aramco, der staatlichen Ölgesellschaft. Bin Salman will nächstes Jahr 5% der voraussichtlich wertvollsten Firma der Welt in London oder New York an die Börse bringen. Doch wie viel Saudi Aramco wert ist, hängt auch vom Ölpreis ab. Bin Salman hat die Firma einst mit 2000 Mrd. $ bewertet. Experten sehen den Preis aber näher bei 1000 Mrd. $.

Geradezu katastrophale Folgen dürfte der Preisrutsch in Venezuela haben. Das Land leidet unter einer Wirtschaftskrise und steht kurz vor dem Staatsbankrott. Zudem wird Venezuela seit bald drei Monaten von heftigen Unruhen erschüttert, die schon über 70 Tote gefordert haben.