Bilanz des Schreckens: Plötzlich geht es ums Überleben der Swiss

5800 Flüge gestrichen, 57000 Kunden betroffen: Swiss-Chef Thomas Klühr stellt Forderungen.

Benjamin Weinmann
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Die Swiss parkiert nicht genutzte Maschinen auf dem Flugplatz Dübendorf.

Die Swiss parkiert nicht genutzte Maschinen auf dem Flugplatz Dübendorf.

Bild: Ennio Leanza/Keystone

Und plötzlich geht es um das Überleben der Firma. Als der Franke Thomas Klühr 2016 als neuer Swiss-Chef auf Harry Hohmeister folgte, wurde er mancherorts als «Statthalter» verschrien. Denn Hohmeister wechselte in den Lufthansa-Vorstand. Und so gab es die Befürchtung, auch beim Personal, dass die Swiss an Eigenständigkeit verlieren und Klühr bloss zum Befehlsausführenden würde.

Die Unkenrufe verschwanden bald. Dabei hilft, dass die Swiss unter Klühr äusserst erfolgreich arbeitet und Gewinne einfliegt, über welche die Konkurrenz nur staunen kann. Abgesehen von den technischen Problemen im vergangenen Jahr mit den neuen A220-Maschinen hatte Klühr bisher mit relativ wenig Turbulenzen zu kämpfen. Doch nun ist Klühr plötzlich der Mann, der das Überleben der Swiss sichern muss.

Am Donnerstag trat er erstmals seit dem Ausbruch der Corona-Krise vor die versammelten Medien, wenn auch nur per Onlinevideo, da die Pressekonferenz vor Ort in Kloten abgesagt werden musste.

Der für seine besonnene Art bekannte Klühr blieb auch in seiner bisher anspruchsvollsten Pressekonferenz ruhig. Seine Augen waren sichtlich müde, doch der 57-Jährige fackelte nicht lange um den heissen Brei. Der Gewinn des Vorjahres, um den es eigentlich bei einer Bilanzmedienkonferenz vor allem geht, war nur kurz ein Thema.

Der Rekordwert aus dem Vorjahr, 636 Millionen Franken, wurde mit 578 Millionen wegen höherer Wartungs- und Treibstoffkosten nicht mehr erreicht. Beachtlich ist das Resultat dennoch. Den Rest seiner Präsentation widmete Klühr den Folgen der Corona-Krise. Und der Deutsche sprach Klartext: «Wir können eine temporäre Betriebseinstellung nicht mehr ausschliessen.» Die Schwester-Airlines aus dem Lufthansa-Konzern, Austrian und Brussels, haben diesen Schritt bereits getan.

Swiss fliegt auf Langstrecke nur noch nach New York

Seit Krisenbeginn wurden 5800 Flüge gestrichen, betroffen davon sind 57000 Kunden. Diese Woche hatte die Swiss ihre Kapazitäten um 80 Prozent heruntergefahren. Und ab Montag werden es gar 90 Prozent sein. Heisst übersetzt: Im Einsatz bleiben eine Langstreckenmaschine und fünf Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge. «Es ist ein absoluter Mini-Flugplan», sagt Klühr. Man wolle den Anschluss der Schweiz und den Betrieb der Swiss so lange wie möglich auf einem Minimum aufrechterhalten (s. Artikel unten). «Die Situation kann sich aber sehr rasch ändern.» Auf der Langstrecke bedient die Swiss ab Montag nur noch New York, um Amerikaner und Schweizer in ihr Heimatland zurückzufliegen. «Ich habe in meiner Aviatik-Karriere schon einige Krisen erlebt, wie Sars oder 9/11», sagte Klühr. Der grosse Unterschied bei der Corona-Krise sei aber die unglaubliche Dynamik und Unsicherheit. «Überall auf der Welt werden Regulationen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgesprochen, die wir quasi im Stundentakt prüfen müssen, zum Wohle der Crew und unserer Kunden.» Betriebschef Thomas Frick sprach von einer Krisenführung «fast wie im Krieg».

Klühr wiederholte seine Forderung nach Staatshilfe. Ohne diese werde es kaum gehen, so wie auch bei allen anderen Airlines nicht. Er betonte die Swissness der Lufthansa-Tochter. «Die Swiss ist ein Schweizer Unternehmen, das ihren Steuersitz hier hat und über 9000 Angestellte zählt, von denen 93 Prozent hier leben.»

Swiss-Chef schliesst Rückkauf durch Staat aus

Kurzarbeit hat die Swiss bereits beantragt. Die Einführung der neuen «Premium Economy»-Klasse und die Einflottung neuer Flugzeuge ist verschoben. Einen staatlichen Rückkauf durch die Schweiz, so wie es SVP-Nationalrat Thomas Matter zuletzt gefordert hatte, schliesst Klühr indes aus. «Die Swiss war in den vergangenen Jahren nur so erfolgreich, weil sie Teil des Lufthansa-Netzwerks war.» Alleine wäre die Swiss nicht überlebensfähig, so Klühr.

Den mehreren Nachfragen, wie eine temporäre Staatshilfe für die Sicherung der Liquidität konkret aussehen könnte, zum Beispiel in Form eines Überbrückungskredits oder einer Beteiligung des Bundes, wich Klühr aus. Immerhin räumte er ein, dass man mit der Lufthansa in Gesprächen sei, ob vom letztjährigen Gewinn nach wie vor Dividenden nach Frankfurt fliessen sollen angesichts des Staats­hilfegesuchs in der Schweiz.

Bemerkenswert ist, dass die Swiss vor wenigen Tagen mitten in der Krise mit Markus Binkert und Thomas Frick zwei Schweizer in die zuvor rein deutsche Geschäftsleitung berufen hat. Dies könnte ein geschickter Schachzug sein für die Gespräche in Bern. Dort dürfte sehr wohl eine Rolle spielen, ob die Swiss auf Hochdeutsch oder in Mundart nach Schweizer Steuergeldern verlangt.