Bevor es dem Geflügel an die Gurgel geht, soll es ihm wohler sein: Die Migros-Tochter Micarna enthüllt die Pläne für ihren neuen Schlachthof, der im Freiburgischen statt im Toggenburg gebaut wird

Vor genau einem Jahr hat die Migros den Plan aufgegeben, im Toggenburg einen zweiten Micarna-Geflügelschlachthof zu errichten. Stattdessen schwenkte sie in den Kanton Freiburg um, wo Micarna bereits Geflügel verarbeitet. Jetzt hat sie dort ganz in der Nähe ein Grundstück gekauft, um zu bauen.

Thomas Griesser Kym
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Der Pouletkonsum steigt, die Micarna will ihre Schlacht- und Verarbeitungskapazität ausbauen.

Der Pouletkonsum steigt, die Micarna will ihre Schlacht- und Verarbeitungskapazität ausbauen.

Bild: PD

Zwei Hauptstandorte hat die Migros-Fleischverarbeiterin Micarna, den einen mit 800 Beschäftigten in Bazenheid im Toggenburg, den anderen mit 1600 Angestellten im Kanton Freiburg in Courtepin. Zudem gehören zur Gruppe eine Reihe weiterer Betriebe wie der Wurst- und Fleischspezialitätenhersteller Rudolf Schär in Thal oder der Eierproduzent Lüchinger+Schmid mit einem Standort in Flawil. Total kommen so gut 20 Standorte mit 3550 Mitarbeitenden inklusive 140 Lernender zusammen.

Geflügel verarbeitet die Micarna seit den 1960er-Jahren in Courtepin. Weil der Pouletkonsum zunimmt, will die Migros seit einiger Zeit einen zweiten Geflügelschlachthof errichten und so ihre Kapazität ausweiten. Bis vor einem Jahr war geplant, diesen Betrieb in Bütschwil-Ganterschwil zu bauen und hier rund 200 Arbeitsplätze zu schaffen. Doch dann gab die Migros dieses Projekt namens ATV Ost auf und beschied, am Standort Courtepin oder in dessen Nähe zu investieren.

40 Millionen statt 30 Millionen Poulets im Jahr

Nun sind die Würfel gefallen: Vergangene Woche hat die Micarna mit dem Segen der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bunds (MGB) ein 95'000 Quadratmeter grosses Betriebsgrundstück in der Freiburger Gemeinde St-Aubin gekauft, rund 15 Kilometer von Courtepin entfernt, nahe des Neuenburger- und des Murtensees.

Auf diesem Areal in der Industriezone von St-Aubin will die Micarna einen neuen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb für Geflügel aus dem Boden stampfen. Vorgesehen ist eine Kapazität von 40 Millionen Poulets im Jahr. Zum Vergleich: Der aktuelle Standort Courtepin verarbeitet 30 Millionen Poulets jährlich. Damit ist die Micarna die grösste Geflügelverarbeiterin des Landes.

Im Jahr 2024 soll alles parat sein

Laut Micarna befindet sich das Projekt im Anfangsstadium. Der Zeitplan sieht vor, die Baueingabe im dritten Quartal 2021 einzureichen und die Baubewilligung im ersten Quartal 2022 zu erhalten. «Dann könnte die Anlage im Jahr 2024 in Betrieb genommen werden.»

Der neue Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb für Geflügel in St-Aubin wird jenen in Courtepin ersetzen, der in die Jahre gekommen ist. 2024 werden rund 600 Mitarbeitende der Geflügelsparte ihren Arbeitsplatz nach St-Aubin zügeln. Dort sind zudem die Geflügelcharcuterie (Wurstwaren) und Convenienceprodukte vorgesehen. In Courtepin verbleibe die Herstellung von Fleisch und Charcuterie ohne Geflügel.

Freiburg hat das Toggenburg ausgestochen

Dass die Micarna vor einem Jahr dem Kanton Freiburg statt dem Toggenburg den Vorzug gab, hat Gründe. In Courtepin verarbeitet die Micarna schon seit über 50 Jahren ihr Geflügel; Bern, Freiburg und die Waadt sind die Kantone mit den höchsten Beständen an Poulets. In der Romandie hatte die Micarna auch zuletzt in Geflügelbetriebe investiert: In den Muttertierpark im Wallis, wo Elterntiere in der Pouletmast einen eigenen Wintergarten und mehr Platz haben, oder in die neue Brüterei in Avenches im Waadtland.

Neben den logistischen Überlegungen spielten aber auch finanzielle Überlegungen eine Rolle. Investitionen in zwei Schlachthöfe, also ein Neubau in Bütschwil-Ganterschwil und ein unabdingbarer Ersatz für die Gebäude in Courtepin, wären schwierig zu finanzieren gewesen, sagte damals Micarna-Chef Albert Baumann.

«Eine nochmalige Verbesserung des Tierwohls»

Für Bütschwil-Ganterschwil gesprochen hätten die Möglichkeit, Ostschweizer Poulets in der Region zu verarbeiten und die Nähe zum Betrieb in Bazenheid. Doch schliesslich hat die Micarna der Erneuerung des Standorts im Kanton Freiburg Priorität beigemessen. Der Neubau in St-Aubin erlaube nicht nur eine Steigerung der Produktion, «sondern vor allem auch die Einführung neuer Technologien und damit eine nochmalige Verbesserung des Tierwohls».

Allerdings wird die Ostschweiz nicht vernachlässigt. So wurde 2019 im Eiergeschäft in die neue Färberei von Lüchinger+Schmid in Flawil erheblich investiert, und in Bazenheid werde Micarna in Zukunft in die Charcuterie investieren, wie Sprecher Reinhard Frei sagt. Genaue Investitionszahlen habe man noch nicht.

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