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Die Affäre ist für die Credit Suisse noch nicht ausgestanden

Nach der Affäre um Iqbal Khan muss der operative Leiter und der Sicherheitschef der Grossbank gehen, doch Konzernchef Tidjane Thiam erhält den Persilschein.
Daniel Zulauf
CS-Präsident Urs Rohner äussert sich an einer Medienkonferenz in Zürich zur Beschattungs-Affäre. Bild: Ennio Leanza/Keystone

CS-Präsident Urs Rohner äussert sich an einer Medienkonferenz in Zürich zur Beschattungs-Affäre. Bild: Ennio Leanza/Keystone

In der Affäre um die Bespitzelung des Ex-Credit-Suisse-Managers Iqbal Khan hat die Grossbank die Schuldigen ausgemacht. CS-Präsident Urs Rohner orientierte am Dienstagmorgen über die Ergebnisse und die Konsequenzen einer internen Untersuchung der Affäre. Flankiert wurde er von Verwaltungsrat John Tiner und dem Rechtsanwalt Flavio Romerio von der Zürcher Kanzlei Homburger. Letztere wurde von der CS beauftragt, die Affäre zu untersuchen.

Pierre-Olivier Bouée, operativer Chef und bisheriger Weggefährte von Tidjane Thiam. Bild: PD

Pierre-Olivier Bouée, operativer Chef und bisheriger Weggefährte von Tidjane Thiam. Bild: PD

Über die Klinge springen muss der operative Chef Pierre-Olivier Bouée. Der Franzose ist Mitglied der Konzernleitung und ein enger Vertrauter von Konzernchef Tidjane Thiam. Die beiden kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit beim Unternehmensberater McKinsey. Sie sind zusammen die Karriereleiter in der internationalen Finanzbranche hochgestiegen. Nach ihren Engagements bei den britischen Versicherern Aviva und Prudential landeten sie 2015 gemeinsam in Zürich, um die kriselnde Credit Suisse wieder auf Kurs zu bringen.

Das Duo geht nun getrennte Wege. Bouée hat im Rahmen der Homburger-Untersuchung angegeben, die Beschattung Khans in alleiniger Kompetenz und ohne Absprache mit Thiam angeordnet zu haben. Für Bouées Befehlsempfänger, Sicherheitschef Remo Boccali, ist die Zeit bei Credit Suisse ebenfalls zu Ende. Für ihn ist der Abschied besonders bitter. Schliesslich hätte Boccali seinen Hut vermutlich auch dann nehmen müssen, wenn er die Ausführung des nach Rohners Worten «absolut inakzeptablen» und «unangemessenen» Beschattungsauftrags verweigert hätte.

Mittelsmann begeht Suizid

Die Affäre wäre wohl nie publik geworden, wenn die Beschattungsoperation Mitte September in der Nähe des Zürcher Paradeplatzes nicht völlig aus dem Ruder gelaufen wäre. Khan, im Auto auf Einkaufstour mit seiner Ehefrau, entdeckte seinen Verfolger, stellte ihn nach einem Gerangel auf offener Strasse und reichte danach eine Strafanzeige wegen Nötigung und Drohung ein.

Katastrophale Folgen hatte die Panne für jenen Mann, den die Credit Suisse beauftragt hatte, die Detektive zur Bespitzelung Khans anzuheuern. Der selbständige Privatermittler nahm sich vor einer Woche das Leben – offenbar kurz nachdem sein Name in Journalistenkreisen bekannt geworden war. Wie der Name des Mannes publik wurde, ist nicht bekannt.

Mit der Frage nach einer möglichen Mitverantwortung der Credit Suisse am Suizid insinuierte ein Journalist auf subtile Weise, dass die Informationsquelle die Credit Suisse gewesen sein könnte. Doch Rohner blieb in seiner Antwort betont ausweichend. Man sei «selbstverständlich betroffen» von dem Unglück, gäbe aber aus Rücksicht auf die Angehörigen keine Einzelheiten preis.

CS-Präsident Rohner entschuldigt sich

Der am Montag bekanntgewordene Suizid macht aus der für die Bank und ihre Verantwortungsträger hochnotpeinlichen Khan-Affäre einen veritablen Skandal. Dieser dürfte die CS noch länger beschäftigen. Zwar sagte Rohner auf die Frage einer Journalistin, ob der Fall keiner weiteren Abklärungen mehr bedürfe: «Wir wollten wissen was vorgefallen ist und das ist jetzt der Fall.»

Doch die interne Untersuchung liess explizit offen, inwieweit das schon seit längerer Zeit zerrüttete Verhältnis zwischen Thiam und Khan den Ausschlag für die fatale Beschattung gegeben haben könnte. Bekannt ist, dass sich Khan und Thiam im Januar an einer Cocktailparty im Haus des Konzernchefs in die Haare gerieten und dabei beinahe handgreiflich wurden.

Der Untersuchungsbericht begnügt sich mit Bouées Aussage, er habe die Überwachung am 29. August allein aus Sorge «um die wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen» der Credit Suisse angeordnet. An jenem Tag wurde bekannt, dass Khan per 1. Oktober als Co-Chef der internationalen Vermögensverwaltung zur UBS wechseln werde. Mit dieser Ankündigung hätten sich die zuvor nur hypothetischen Risiken, Kunden und wichtige Mitarbeiter an die Konkurrenz zu verlieren, materialisiert, gab Bouée den Homburger-Anwälten zu Protokoll.

Rohner entschuldigte sich bei seinen Mitarbeitern, Kunden und Aktionäre für den am Ruf der Bank und am gesamten Finanzplatz angerichteten Schaden. Mit der Untersuchung des Falles und den ergriffenen personellen Massnahmen sei der Verwaltungsrat aber seiner Verantwortung nachgekommen, meinte er auf die Frage, ob er auch seine eigene Rolle hinterfrage.

Affäre noch nicht ausgestanden

Diese Antwort dürfte seine Kritiker angesichts der vielen, offen gebliebenen Frage aber kaum zufriedenstellen. Beobachter gehen davon aus, dass die Affäre noch weitere personelle Konsequenzen haben wird. Für die Aktionäre, die einen sofortigen Rücktritt Thiams und damit ein Führungsvakuum in der zweitgrössten Bank befürchtet hatten, mag der vorläufige Abschluss der Affäre beruhigend sein.

Doch selbst in diesen Kreisen nimmt man zur Kenntnis, dass auch die Glaubwürdigkeit und das Durchsetzungsvermögen von Thiam arg in Mitleidenschaft gezogen wurden. Vielsagend stellte der Präsident selber fest: «Es ist nicht üblich in unserem Geschäft, dass der Konzernchef über eine solche Überwachung nicht informiert ist.» Die Operation Schadensbegrenzung ist der Credit Suisse bestenfalls halbwegs gelungen.

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