Detailhändler verabreichen eine Beruhigungspille: «Hamsterkäufe sind absolut unnötig»

Trotz temporär leerer Regale sei die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert, sagen Coop, Migros und Co. Das Personal in den Verteilzentren und teils auch den Läden ist verstärkt worden.

Thomas Griesser Kym
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Leere Regale in einem Migros-Supermarkt, verbunden mit dem Versprechen, dass bald wieder aufgefüllt wird.

Leere Regale in einem Migros-Supermarkt, verbunden mit dem Versprechen, dass bald wieder aufgefüllt wird.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Vor drei Wochen hat bei der Migros ein Ansturm der Kunden auf Konserven eingesetzt. Das sagte der für diese Warengruppe Verantwortliche, Marcel Oswald, Anfang Monat dem «Mi­gros-Magazin». Und jetzt?

«Die Nachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs ist am vergangenen Freitag und Samstag nochmals massiv gestiegen.»

Das sagt Marcel Schlatter, Sprecher des Migros-Genossenschafts-Bunds (MGB). Konkret nennt er Körperhygiene, Beilagen, Konserven, Mehl, Zucker.

Ähnlich äussert sich Andreas Bühler, Sprecher der Migros Ostschweiz: Seit vergangenem Freitagnachmittag 16 Uhr, nachdem der Bundesrat die Schulschliessungen und weitergehende Restriktionen im öffentlichen Leben verkündet hatte, stelle man «eine stark erhöhte Nachfrage» der Kunden fest, und dies bei «fast allen Sortimenten». «Besonders ausgeprägt» sei die Mehrnachfrage bei lang haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln.

Migros lagert Lebensmittel unter anderem auch bei der Bina

Schlatter spricht von einer Ausnahmesituation. Daher kam und komme es in den Supermärkten «trotz enorm erhöhter Lieferkapazitäten und riesigen Personaleinsatzes» zu leeren Regalen. Doch sagt Andreas Bühler:

«Von einem Engpass an Lebensmitteln kann keine Rede sein.»

Für Nachschub ist auf jeden Fall gesorgt, auch weil die Migros gewisse Produkte in grossen Mengen lagert, dies auch in eigenen Industriebetrieben wie der Bischofszell Nahrungsmittel AG (Bina).

Sonderschichten und Extrafahrten

Schlatter und Bühler zählen auf, wie die Migros den erhöhten Nachschubbedarf logistisch bewältigt: Sonderschichten in den Verteilzentren, Extrafahrten zur Belieferung der Filialen, Ausbau der Kapazität auf Strasse und Schiene. «Die Filialen werden alle mehrmals täglich beliefert» und damit öfter als sonst, sagt Bühler, und dies mit «wesentlich höheren Mengen». Auch habe man eine Aufhebung des Nacht- und Sonntagsfahrverbots erwirken können.

Bühler sagt, sowohl in der Verteilzentrale der Migros Ostschweiz in Gossau als auch in den Verkaufsstellen seien derzeit mehr Mitarbeitende tätig als üblich. Zusätzliches Personal werde aber nicht eingestellt. Vielmehr unterstützen Angestellte der Fachmärkte, der Gastronomie und der Freizeitbetriebe, «die aktuell eher wenig beschäftigt sind», die Kollegen in der Logistik, den Supermärkten und der Produktion.

Temporärkräfte und Weisskragen packen mit an

Dass der Detailhandel momentan auch in der Nacht und am Sonntag ausliefern darf, bestätigt Corina Milz, Sprecherin von Lidl Schweiz. Auch der Discounter spürt sortimentsübergreifend «einen deutlichen Anstieg der Nachfrage». Lidl arbeite intensiv daran, die Lager mit stark nachgefragten Artikel zu bestücken und die Versorgung in den Läden sicherzustellen.

Diese würden häufiger beliefert, womit man gewährleiste, dass «die Regale schnell nachgefüllt werden». Um die Belegschaft in den Filialen und Lagern zu unterstützen, setzt Lidl aktuell auf Temporärkräfte und Büromitarbeitende. Lidl Schweiz hat den Hauptsitz in Weinfelden und dort auch ein Verteilzentrum.

«Wir haben seit vielen Jahren einen Pandemieplan»

Für die Anfrage betreffend Konsequenzen des Corona-Virus in der Coop-Verkaufsregion Ostschweiz wird an die Zentrale in Muttenz verwiesen. Coop-Sprecherin Marilena Baiatu sagt, seit drei Wochen sei die Nachfrage nach Produkten wie länger haltbare Lebensmittel, Tiefkühl­kost oder WC-Papier erhöht. Man habe gerade auch in der Logistik Massnahmen getroffen, um «die Versorgung längerfristig sicherzustellen».

Unter anderem seien in der Logistik derzeit mehr Leute im Einsatz. Die Filialen würden öfter beliefert und bei stark nachgefragten Produkten jeweils mit höheren Mengen. Baiatu sagt:

«Generelle Engpässe sind bei Coop aktuell kein Thema.»

Ausserdem verweist sie darauf, dass Coop «schon seit vielen Jahren einen Pandemieplan» habe und «in engem Austausch mit den Behörden» stehe.

Regale werden mehrmals täglich aufgefüllt

«Wir beginnen, bestimmte Kategorien von Lagerbeständen zu bemerken, die schwieriger zu bekommen sind.»

Das sagt Silvia Manser, Sprecherin von Spar Schweiz mit Sitz in St.Gallen. Zwar erwarte man aktuell «keine nennenswerten Unterbrechungen der Lieferkette, aber die Situation ist sehr unsicher».

Wie Manser sagt, ist der Umsatz von Spar in den vergangenen zwei Wochen «deutlich gestiegen», und von Donnerstag bis Samstag vergangener Woche war «ein sehr starker Anstieg zu verzeichnen. Die Regale mussten mehrmals täglich aufgefüllt werden.» Man habe in allen Kategorien einen «signifikanten Anstieg» verzeichnet, inklusive Frischwaren, hauptsächlich aber bei Grundnahrungsmitteln und Hygieneprodukten.

Desinfektionsmittel sind rar und gefragt

Die Filialen werden häufiger beliefert, «in einer grossen Zahl von Sonderlieferungen». In der Logistik habe Spar das Personal aufgestockt, und darüber hinaus helfe unter den erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen Verwaltungspersonal im Lager aus. Wie Manser weiter sagt, sind wegen der hohen Nachfrage Grundnahrungsmittel und andere Artikel manchmal am Abend ausverkauft, werden aber nach Möglichkeit am kommenden Morgen wieder geliefert und aufgefüllt.

«Desinfektionsmittel sind derzeit schwer zu beschaffen», sagt Manser von Spar Schweiz ausserdem. Über dieses Thema äussert sich auch Andreas Bühler von der Migros Ostschweiz:

«Wir können in Kürze wieder Desinfektionsmittel aus unserem eigenen Produktionsbetrieb in den Verkauf bringen.»

Probleme mit Lieferungen aus Italien

Aldi Suisse hat «zwar erste Lieferschwierigkeiten verzeichnet, insbesondere von italienischen Lieferanten», sagt Philippe Vetterli, Sprecher des Discounters.

«Jedoch konnten wir diese einzelnen Ausfälle bis dato mit Alternativartikeln gut abdecken.»

Die Filialen würden nun täglich mit dem kompletten Sortiment beliefert. Die erhöhte Nachfrage, vor allem nach Konserven, Milch und Hygieneartikeln, sei seit vergangenem Freitag «nochmals deutlich markanter» geworden, sagt Vetterli. Aldi mit Hauptsitz und einem Verteilzentrum in Schwarzenbach bei Wil setze in diesen Tagen auch mehr Mitarbeitende ein, worunter teils auch zusätzliche Leiharbeiter seien.

Alle genannten Detailhändler sowie Denner, Manor und Volg weisen in einem gemeinsamen Zeitungsinserat noch auf etwas hin:

«Hamsterkäufe sind absolut unnötig.»