Bern bringt die Quote ins Gespräch

Die Stadt Bern will mindestens 35 Prozent ihrer Kaderstellen in der Verwaltung und in öffentlich-rechtlichen Anstalten mit Frauen besetzen. Diese Premiere macht anderen Mut: Die Vorstösse für Frauenquoten mehren sich.

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Hat immer noch Seltenheitswert: Frau in einer Führungsposition in Verwaltung und Wirtschaft. (Bild: dapd/Clemens Bilan)

Hat immer noch Seltenheitswert: Frau in einer Führungsposition in Verwaltung und Wirtschaft. (Bild: dapd/Clemens Bilan)

So einfach hatte sich Lea Kusano die Unterschriftensammlung nicht vorgestellt. «Es war unglaublich», sagt die SP-Abgeordnete im Berner Stadtparlament. «Sogar Männer von der BDP fragten mich an, ob sie auch noch unterschreiben dürften». Dabei hatte es die Motion der interfraktionellen Frauengruppe in sich: Sie verlangt, dass 35 Prozent der Kaderstellen in der Berner Stadtverwaltung und in den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Stadt von Frauen besetzt sein müssen; heute sind es erst 26 Prozent.

«Die Zeit ist reif»

Vor ein paar Tagen nun hat das Parlament die Motion überwiesen, und die Berner Stadtregierung muss eine entsprechende Gesetzesvorlage ausarbeiten. Erfreut und gleichzeitig erstaunt stellt Lea Kusano fest, dass 30 Jahre nach der Verankerung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung jetzt offenbar ein Meinungsumschwung stattgefunden hat. «Die Zeit ist reif.» – Sicher ist: Das Thema wird in der Schweiz wieder breit diskutiert. Für die Einführung von Geschlechterquoten sprachen sich vor zwei Wochen auch die FDP-Frauen Schweiz aus. Die FDP-Frauen hätten während Jahren auf Freiwilligkeit gehofft, bewegt habe sich kaum etwas, sagt Generalsekretärin Claudine Esseiva. Darum sei es an der Zeit, dass der Staat mit gutem Beispiel vorangehe. «Das tut er in anderen Bereichen ja auch.»

Bern hat den Stein in anderen Städten ins Rollen gebracht. In Basel wurde eine Motion für die Einführung einer Geschlechterquote in den Aufsichtsorganen der Stadt überwiesen. Thema ist die Frauenquote auch in Zürich: Lanciert hat sie die SP-Fraktionspräsidentin, und eine Vertreterin der FDP will mit einem Postulat erreichen, dass beide Geschlechter mit mindestens 35 Prozent im Kader und in den öffentlich-rechtlichen Anstalten vertreten sind.

SP-Frauen für norwegische Zustände

Andere Länder sind bereits weiter. Regelmässig wird Norwegen als Beispiel zitiert, das vor rund zehn Jahren per Gesetz in den Verwaltungsräten von börsenkotierten Unternehmen einen Frauenanteil von 40 Prozent verlangte. Heute wird die Quote gar überschritten. Das soll jetzt auch die Schweiz schaffen: Gestern reichte Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer (SP/BS) entsprechende Vorstösse ein. Sie fordert eine Geschlechterquote von 40 Prozent für börsenkotierte und für bundesnahe Unternehmen. Damit dieses Ziel auch erreicht wird, fordert Oberholzers Ratskollegin Yvonne Feri (SP/AG) sowohl für Unternehmen wie auch für die eidgenössische Verwaltung unterstützende Massnahmen. Darunter verstehen die SP-Frauen Schweiz etwa die Umsetzung der Lohngleichheit wie die Förderung eines Eltern- und Pflegeurlaubs.

Die FDP-Frauen hingegen wollen nicht in die Privatwirtschaft eingreifen, zumindest vorläufig nicht. Immerhin sei der Anteil Frauen in den Verwaltungsräten innert zwei Jahren von drei auf aktuell elf Prozent gestiegen, sagt Esseiva. Sollte dieser Anteil aber stagnieren oder sogar wieder zurückgehen, müssten Massnahmen diskutiert werden. «Wir dürfen uns dieser Diskussion aus liberaler Sicht nicht verweigern.»

Frauen wollen Zahlen sehen

Diskutiert werden muss auch noch in Bern. Die Leiterin des Gleichstellungsbüros, Barbara Krattiger, verweist im «Bund» auf die grossen Unterschiede in der Verwaltung: In der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün liege der Anteil Kaderfrauen bei 8,7, in der Bildungsdirektion bei 48,3 Prozent. «Jetzt stellt sich die Frage, ob die Quote für jede Direktion einzeln gelten soll oder für die Stadtverwaltung als Ganzes.» Claudine Esseiva plädiert für einen pragmatischen Ansatz. Wichtig sei eine befriedigende Schnittmenge. Vor allem aber ermögliche die Pflicht zur Quote Antworten auf konkrete Fragen: Wurden Teilzeitstellen angeboten? War Job-Sharing ein Thema? Esseiva sagt: «Wir wollen jetzt Zahlen sehen.»

Die Quote, darin sind sich alle einig, könne aber nur ein Instrument zur Frauenförderung sein. Mindestens so wichtig sei eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denise Lachat, Bern