Spritkrise
Jede zweite Tankstelle in London ist geschlossen: Benzinknappheit sorgt für Chaostage in Grossbritannien

Keine Lastwagenfahrer, keine Fachkräfte: Der Druck auf Brexit-Premierminister Boris Johnson steigt.

Sebastian Borger, London
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Beitrag: Melissa Schumacher

Die Benzinversorgungskrise scheint kein Ende zu nehmen. In stark betroffenen Gebieten wie in London bleibt jede zweite Tankstelle geschlossen, vor den verbliebenen Zapfsäulen bilden sich teils kilometerlange Schlangen. Vereinzelt kommt es gar zu Prügeleien um wenige Liter Benzin. Schon warnt der Ärzteverband vor Personalproblemen in Spitälern, Logistikfirmen kündigen erhebliche Verzögerungen bei der Paketauslieferung an. Die britische Armee bildet im Schnellverfahren Tankwagenfahrer aus, um den Kollaps der Volkswirtschaft zu verhindern.

Versorgungsschwierigkeiten erlebt die Brexit-Insel seit vielen Wochen. Immer wieder stehen die Briten vor leeren Supermarkt-Regalen, Pflaster fehlen ebenso wie Käse und frische Gurken. Fastfood-Ketten wie McDonald’s konnten wegen «vorübergehender Lieferprobleme» keine Milkshakes mehr anbieten, Dutzende von Filialen mussten gar schliessen. Auf den Feldern verrottete Gemüse, und weil es zu wenig ausgebildete Metzger gibt, warnt der Fachverband, sei ausgerechnet zu Weihnachten mit einer Knappheit bei Geflügel zu rechnen. Damit gerät das traditionelle englische Truthahn-Festessen in Gefahr.

Es fehlen Fachkräfte und günstige Arbeitskräfte

In vielen Branchen, nicht zuletzt der Gastronomie, fehlen günstige Arbeitskräfte. Während die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson dafür stets Corona verantwortlich macht, weisen unabhängige Fachleute vor allem auf die Brexit-Folgen hin. Seit das Königreich aus Zollunion und Binnenmarkt ausschied, gilt die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus der EU nicht mehr.

Dabei waren Bauern ebenso auf billige Arbeitskräfte vom Kontinent angewiesen wie viele Londoner Hotels und Spitzenrestaurants. Deren führende Vertreter wie Yotam Ottolenghi und Rocco Forte wandten sich mit einem Brandbrief an die Regierung: Die restriktiven Einwanderungsbestimmungen müssten vor allem für gut qualifizierte Arbeitskräfte revidiert werden.

«Sorry. We are currently closed»: Etliche Tankstellen im Lande bleiben geschlossen.

«Sorry. We are currently closed»: Etliche Tankstellen im Lande bleiben geschlossen.

Key

Es fehlen rund 100'000 Lastwagenfahrer

Das hat die Brexit-Regierung bisher stets abgelehnt, weshalb es einer kleinen Sensation gleichkam, als übers Wochenende von Sondervisa für ausgebildete EU-Lastwagenfahrer die Rede war. Bis Weihnachten sollen 5000 Trucker vom Kontinent die schlimmsten Engpässe beseitigen. Supermarktketten bieten erfahrenen Lastwagenfahrern schon seit Wochen Begrüssungsprämien von umgerechnet mehreren tausend Franken an. Gemäss Berechnungen des Branchenverbands fehlen derzeit rund 100'000 Lastwagenfahrer. Neben dem Brexit ist dies auch eine Folge der Pandemie: Wegen Covid fielen monatelang die Prüfungen für Lastwagen-Führerscheine aus, über den Sommer wurde der Rückstand nicht aufgeholt.

Unterdessen stauen sich vor den Tankstellen weiterhin verzweifelte Autofahrer. Schon werden Erinnerungen an ähnliche Krisensituationen wach. Im Herbst 2000 wurde die damalige Labour-Regierung unter Labour-Premier Tony Blair von einer Raffinerie-Blockade durch unzufriedene Lastwagenfahrer kalt erwischt. Die resultierende Benzinknappheit brachte der konservativen Opposition ein kurzzeitiges Umfrage-Hoch.

Droht ein zweiter «Winter unseres Missvergnügens»?

Ältere beschwören sogar ein mehr als 40 Jahre zurückliegendes Szenario herauf. Der «Winter unseres Missvergnügens» – benannt nach einem Zitat von Nationaldichter William Shakespeare – brachte zur Jahreswende 1978/79 das Land durch Massenstreiks und Kohleknappheit zum Erliegen. «Die jetzige Situation fühlt sich sehr, sehr ähnlich an», sagt der konservative Hinterbänkler David Morris.

Er und seine Parteifreunde müssen hoffen, die Regierung möge der Lage bald Herr werden. Denn der «Winter des Missvergnügens» fegte die damalige Labour-Regierung zugunsten der konservativen Reformerin Margaret Thatcher aus dem Amt. Erstmals deuten die Umfragen auf anhaltende Unzufriedenheit mit der Brexit-Regierung hin. Gefragt nach Ursachen für die Krise nennen die Briten und Britinnen zwar an erster Stelle Corona (76 Prozent); gleich dahinter aber folgen die Regierung (70), der Brexit (68) und Johnson persönlich (67).

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