Belastungsprobe für Obligationen

Derzeit ist das Thema US-Leitzinserhöhung in zahlreichen Wirtschaftspublikationen omnipräsent. Auch wir gehen davon aus, dass die US-Notenbank Fed wohl noch in diesem Jahr an der Zinsschraube dreht.

Sebastian Gras Senior Investment Advisor Thurgauer Kantonalbank
Drucken
Teilen

Derzeit ist das Thema US-Leitzinserhöhung in zahlreichen Wirtschaftspublikationen omnipräsent. Auch wir gehen davon aus, dass die US-Notenbank Fed wohl noch in diesem Jahr an der Zinsschraube dreht. Darüber hinaus sollte der Normalisierungsprozess aber eher behutsam ausgestaltet werden, wie Notenbanker betonen. Die tiefe Inflationsrate lässt ihnen auch genügend Spielraum für einen gemächlichen Anpassungspfad.

Das Thema geht meist auch mit Warnungen einher, dass im Umfeld steigender Zinsen eine Obligationenanlage unter dem Strich zu Verlusten führe. Im Grunde ist das auch nicht abwegig. Denn mit Hilfe der Risikokennzahl «modifizierte Duration» sind Anleger in der Lage, die Höhe des drohenden Verlustes zu berechnen. Gemäss einer weitverbreiteten Faustformel würde eine Obligationenanlage mit einer Duration von 5, bei einem Zinsanstieg um 100 Basispunkte (1 Prozentpunkt), nämlich rund 5% an Wert verlieren.

Die Praxis widerlegt die Theorie

Soweit die Theorie. Um dies zu verifizieren, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Der 30. Juni 2004 ist das Datum, an dem die Fed erstmals die Leitzinsen nach dem Platzen der Dotcom-Blase erhöhte. In einem Umfeld freundlicher Konjunktur- und Inflationsentwicklung erhöhte die Fed dann bis Mitte 2006 die Leitzinsen in 17 Schritten um 425 Basispunkte auf 5,25%. Ein derart starker Anstieg der Leitzinsen dürfte zunächst die Vermutung aufkommen lassen, dass diese Phase desaströs für ein US-Dollar-Obligationenportfolio gewesen sein muss.

Wie es letztlich gekommen ist, lässt sich für den US-Dollar-Obligationenmarkt anhand des Barclays US Aggregate Bond Index zeigen. Dieser spiegelt den Markt für festverzinsliche, auf US-Dollar lautende Obligationen. Die Duration des im Index investierten Obligationenportfolios liegt zwischen 5 und 6. Wer jetzt einen deutlichen Verlust erwartet, stellt verwundert fest: Der Index hat zwischen 2004 und 2006 jährlich 3,8% positive Rendite erarbeitet.

Höhere Zinsen sind eingepreist

Wie kommt es zu diesem erstaunlich guten Ergebnis? Leitzinsen und Marktzinsen bewegen sich nicht im selben Ausmass. Dies unter anderem deshalb, weil der Kapitalmarkt von der Fed bereits vor der effektiven Zinserhöhung auf das kommende geldpolitische Umfeld vorbereitet wird. Auch jetzt sind Parallelen zu 2004 vorhanden. Wie damals liegt auch jetzt eine steigende Zinskurve vor. Dies bedeutet, dass für längere Laufzeiten höhere Zinsen bezahlt werden und der Kapitalmarkt bereits jetzt höhere Zinsen in der Zukunft eingepreist hat. Wie bereits vor gut zehn Jahren stehen wir auch jetzt vor dem Ende einer Tiefzinsphase im Dollar. Letztlich kann man sagen, dass Warnungen in Bezug auf Zinsänderungsrisiken zwar grundsätzlich angebracht und sinnvoll sind. Die negativen Einflüsse von Leitzinserhöhungen auf ein effektives Obligationenportfolio werden aber oft übermässig ungünstig dargestellt. Dadurch bleiben Renditechancen aus.