Lohn-Debatte

Bei Nestlé ist die Lohnschere am weitesten geöffnet

Seit Januar haben neun Unternehmen entschieden, die Aktionäre über den Vergütungsbericht abstimmen zu lassen. Führt dies dazu, dass die Chefgehälter sinken? Nestlé etwa hat das krasseste Verhältnis bei den Gehältern.

Yves Demuth
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Paul Bulcke (Nestlé)

Paul Bulcke (Nestlé)

Für das Jahressalär seines Chefs müsste ein Nestlé-Mitarbeiter mit dem Tiefstlohn ganze 238 Jahre lang arbeiten. Während Nestlé-Chef Paul Bulcke eine Vergütung von 12,4 Millionen Franken erhält, bekommen seine schlechtbezahltesten Angestellten 52000 Franken pro Jahr. Ähnlich sind die Verhältnisse bei Novartis und Roche, wie eine Zusammenstellung der Gewerkschaft Travail Suisse zeigt. Die Lohnschere hat sich jedoch im Jahr 2010 bei diversen Grossunternehmen wie wieder leicht geschlossen.

Travail-Suisse-Präsident Martin Flügel erklärt dies mit dem Wechsel einzelner Firmenchefs. «Das Niveau der Managersaläre ist aber nach wie vor unverschämt hoch.» Zudem zeigten Verwaltungsratssaläre von über 10 Millionen Franken pro Jahr, dass bei gewissen Managern jeglicher Sinn für Relationen verloren gegangen sei. Hoffnungsvoll stimmt Flügel etwa die Entwicklung bei der Zürich-Versicherung, wo der neue Konzernchef Martin Senn wesentlich weniger verdiene als sein Vorgänger.

Noch immer kaiserliche Gehälter

Die Zahl der Unternehmen, die Konsultativabstimmungen über den Vergütungsbericht zulassen, ist derweil seit Januar erneut gestiegen. Laut der Stiftung Ethos führen nun 42 von 100 Unternehmen solche durch. Dass diese Salärexzessen Einhalt gebieten könnten, glaubt Gewerkschafter Flügel indes nicht.

Dominique Biedermann, Direktor der Anlagestiftung Ethos, widerspricht. Die Abstimmung über die Vergütungsberichte könne in Unternehmen mit zerstreutem Aktionariat einiges bewirken. So etwa bei Zurich, wo Ethos in diesem Jahr dem Vergütungsbericht erstmals habe zustimmen können. «Bei Schindler oder SGS, die von Grossaktionären dominiert werden, ist es hingegen schwierig etwas zu bewirken», sagt Biedermann.

Auch bei UBS und CS habe der Druck der Aktionäre eine gewisse Wirkung gezeigt. «Den Verwaltungsräten der Grossbanken waren die vielen Gegenstimmen zum Vergütungsbericht vor einem Jahr unangenehm, selbst wenn es sich nur um eine Konsultativabstimmung handelt.» Die Aktionärsdemokratie sei ein probates Mittel, um vernünftigere und transparentere Salärmodelle zu erreichen. «Der Handlungsbedarf im Vergütungsbereich ist jedoch nach wie vor sehr gross.»

Sogar die Swatch-Cehfin verdient mehr als ihr eigener Vater es tat

Eine Abstimmung über den Vergütungsbericht lehnen gemäss Ethos noch 4 der 20 SMI-Firmen «ausdrücklich» ab. Darunter befindet sich die Swatch Group, deren Präsidentin Nayla Hayek mit 3,075 Millionen Franken
30 Prozent mehr verdient, als sich ihr verstorbener Vater 2009 auszahlen liess. Auch das Salär von Konzernchef Nick Hayek stieg um 17 Prozent.

Für Gregor Greber vom Vermögensverwalter Z-Capital sind die hohen Entschädigungen bei Firmen mit Patroncharakter wie Swatch, Lindt & Sprüngli oder Schindler keine Überraschung. So belegte bereits die letztjährige Corporate-Governance-Studie von Z-Capital, dass «Unternehmen mit Entrepreneur deutlich höhere Entschädigungen bezahlen als die reinen Publikumsgesellschaften».

Auch die Spesen nicht kleinlich

Laut der Untersuchung von 130 mittleren und kleinen Unternehmen zahlen von Eigentümern geführte Firmen mit einem dominanten Grossaktionär häufiger exzessive Entschädigungen. Doch ausgerechnet viele dieser entrepreneurgeführten Firmen würden sich laut Greber öfters schwertun mit einer Konsultativabstimmung über den Vergütungsbericht – obwohl das Abstimmungsergebnis aufgrund der Mehrheitsverhältnisse absehbar sei, wie etwa die Ergebnisse bei Schindler zeigten. Dennoch hofft Greber auf ein Umdenken dieser Unternehmen.

«Der Druck auf Unternehmen, die keine Konsultativabstimmungen zulassen, wird von Jahr zu Jahr stärker», sagt auch Dominique Biedermann. «Man muss Geduld haben, aber wir sind als langfristige Investoren geduldig.»