Bei Lufthansa geht es um eine Milliarde Euro

Wegen des grössten Streiks in ihrer Geschichte muss die Lufthansa ihren Betrieb drei Tage weitgehend einstellen. Die Piloten der deutschen Fluggesellschaft kämpfen für höhere Löhne und um die Besitzstandwahrung bei der Frühpensionierung. Vom Streik profitieren die Deutsche Bahn und Fernbuslinien.

Ulrich Glauber/Frankfurt
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Nach Darstellung der deutschen Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) geht es um eine Milliarde Euro. Auf diesen Umfang bezifferte VC-Sprecher Jörg Handwerg im ZDF den Streitwert zwischen den Piloten und der Lufthansa. 425 000 Passagiere der grössten europäischen Fluggesellschaft bekommen das zu spüren. Der Ausstand der Piloten soll 72 Stunden dauern. 5400 Angehörige des Cockpitpersonals sind zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Auch die Piloten der Tochtergesellschaften Lufthansa Cargo (Frachtgeschäft) und Germanwings streiken.

Konzerntöchter sollen helfen

Der Arbeitskampf legt die deutschen Drehkreuze Frankfurt und München lahm. Lediglich rund 500 Flüge können laut Lufthansa an den drei Streiktagen mit Flugzeugen der Konzerngesellschaften Eurowings, Lufthansa City Line und Air Dolomiti angeboten werden. Die Piloten der Tochtergesellschaften Swiss und Austrian Airlines haben eigene Tarifverträge und treten nicht in den Streik. Die Fluggäste dieser beiden Airlines sind also nur dann betroffen, wenn sie Anschlussflüge bei der Lufthansa gebucht haben. Im Gegenteil erwartet der Luftfahrtkonzern eine gewisse Unterstützung von den Töchtern. Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines sollen mit grösseren Jets nach und von Deutschland fliegen, sofern solche zur Verfügung stehen.

Lufthansa empfiehlt die Bahn

Die Lufthansa selbst streicht bis zum Ende des Streiks am Freitag Mitternacht neun von zehn Flügen. Flugreisenden innerhalb Deutschlands empfiehlt die Lufthansa, auf die Schiene umzusteigen. Die Bahn äussert sich überzeugt, alle erwarteten zusätzlichen Fahrgäste aufnehmen zu können. Und es gibt weitere Profiteure des Pilotenstreiks: Fernbuslinien melden steigende Fahrgastzahlen. So zählte zum Beispiel das Unternehmen Mein Fernbus schon während des Warnstreiks vergangene Woche sechs Prozent mehr Passagiere. Am beliebtesten war die Verbindung Berlin – München. «Das ist so eine typische Route, auf der sonst viel geflogen wird», sagte ein Sprecher zu «Focus Online».

99,1 Prozent für den Streik

Grund für den Arbeitskampf der Cockpit-Besatzungen, die mit 99,1 Prozent für den Streik gestimmt hatten, sind die Übergangsrenten bei einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben. Wenn die Piloten im Alter zwischen 55 und 60 Jahren ihren Beruf aufgeben, zahlt Lufthansa bis zum regulären deutschen Rentenalter von 65 Jahren bis zu 60 Prozent des letzten Bruttogehalts im Rahmen einer Übergangsversorgung. Im Durchschnitt gehen die Piloten mit 59 Jahren in Rente. Die Lufthansa will diesen Schnitt auf 61 Jahre anheben. Ausserdem geht es um die VC-Forderung, die Löhne – zusätzlich zu einem ohnehin vereinbarten jährlichen Aufschlag – um annähernd zehn Prozent zu erhöhen.

Personalchefin zeigt sich enttäuscht

Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens zeigt sich enttäuscht, dass die Pilotengewerkschaft beim gegenwärtigen Verhandlungsstand gleich zu einem dreitägigen Vollstreik aufgerufen hat. «Wir haben sowohl für eine verbesserte Vergütung als auch für eine künftige Regelung zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Flugdienst gute Angebote gemacht», sagt Volkens. Das Unverständnis der Personalchefin wird angesichts der zu erwartenden Kosten des Streiks plausibler. Kenner der Branche gehen von einem Schaden von bis 80 Millionen Euro (fast 100 Millionen Franken) durch die Arbeitsniederlegung in dieser Woche aus.

«Rücksicht auf die Osterferien»

Den geplagten Fluggästen macht VC-Sprecher Handwerg Hoffnung, dass zumindest der Luftverkehr an den bevorstehenden Feiertagen reibungslos über die Bühne gehen wird, egal wie lange sich die Verhandlungen noch hinziehen: «Wir werden aus Rücksicht auf die Passagiere die Osterferien aussparen», sagt der Sprecher der Pilotengewerkschaft. Dieses Versprechen aber stimmt schon jetzt nur bedingt: Denn der Streik diese Woche fällt just in den Beginn der Osterferien in den Bundesländern Niedersachsen und Bremen.

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