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Bargeld erhöht den Schmerz des Bezahlens

Markttreiben
Tobias Trütsch Universität St. Gallen

Bereits eine Woche vor der eigentlichen Lancierung der neuen 10-Franken-Note hat die Nationalbank an einer ausgiebigen Medienkonferenz die dritte Note der jüngsten Serie der Öffentlichkeit vorgestellt. Das mediale Interesse war riesig: Das neue Design, das neue Format und die neusten Sicherheitsmerkmale standen dabei besonders im Fokus der Berichterstattung. Zusätzlich wurde prominent darauf hingewiesen, bei welchen Instituten die neue Banknote seit gestern bezogen werden kann. Warum wird in der Schweiz jeweils die Lancierung einer neuen Banknote mit so viel Euphorie und Vorfreude begleitet, zumal es sich doch eigentlich nur um ein Mittel zum Zweck handelt?

Die Beziehung der Schweizer zu ihrem Bargeld ist einzigartig. Noch heute machen Barzahlungen in der Schweiz trotz alternativen Zahlungsmitteln wie Kredit- und Debitkarten wertmässig rund die Hälfte des Umsatzes an Verkaufspunkten aus. Rund vier von fünf Transaktionen werden hierzulande bar abgewickelt. Das sind Höchststände verglichen mit anderen westlichen Volkswirtschaften. Es gibt zudem auf der Welt keine wertmässig grössere Note als den 1000-Franken-Schein, die Fälschungssicherheit der Noten gehört vergleichsweise zu den höchsten und die Werthaltung des Schweizer Frankens ist äusserst beständig. Insgesamt geniessen der Schweizer Franken und das Bargeld Kultstatus.

Bargeld ist das letzte verbleibende Zahlungsmittel, das den Wert in physischer Form überträgt, daher ist es greifbar und sichtbar. Diese hohe Transparenz wird von vielen Konsumenten geschätzt, da sie die Budget- und Ausgabenkontrolle stark erleichtert. Zudem sind Bargeldzahlungen direkt an den Konsum geknüpft, was den «Schmerz des Bezahlens» erhöht und damit das extensive und impulsive Kaufverhalten mindert. Mit Bargeld sind auch viele positive Emotionen verbunden, welche durch historisch bedingte kognitive Assoziationen im Lauf der Zeit hervorgerufen wurden, und damit den Gebrauch von Bargeld fördern. Der Einsatz von Bargeld basiert daher vielfach auf Gewohnheiten und Automatismen. Die Anonymität von Bargeld wirkt dabei noch unterstützend.

Daneben ist die hohe Beliebtheit von Bargeld in der Schweiz damit zu erklären, dass es noch keine flächendeckende Akzeptanz von Bankkarten gibt und Bargeld damit das einzige gesetzliche Zahlungsmittel bleibt. Um die ungemütliche Situation zu vermeiden, bei einem Kauf weder auf Bankkarten noch auf zu wenig Bargeld im Portemonnaie zurück greifen zu müssen, führen viele Konsumenten als Vorsichtsmassnahme sehr hohe Bargeldbestände mit sich. Aus ihrer Optik ist die Nutzung von Bargeld gratis, was zu erhöhtem Gebrauch führt, obwohl aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive Bargeld hohe soziale Kosten verursacht.

Untersuchungen zeigen, dass mit abnehmendem Zahlungsbetrag vermehrt mit Bargeld gezahlt wird, wo es bei Kleinstbeträgen sogar am kosteneffi­zientesten ist. Mit anderen Worten beträgt der durchschnittliche Kaufbetrag mit Bargeld rund 20 Franken, denn vielfach werden verderbliche statt langlebige Produkte mit Bargeld bezahlt, wovon erstere den Nutzen direkt an den Kauf knüpfen. Die 10-Franken-Note trägt einen wesentlichen Beitrag bei zur effizienten Kaufabwicklung im Kleinstbetragsbereich, wo die meisten Transaktionen am Verkaufspunkt angesiedelt sind, obwohl sie vielfach jedoch nur als Wechselgeld dient.

Personen, welche viele Noten mit kleinem Nennwert halten, geben häufig mehr aus als wenn sie eine Note mit grossem Nennwert und gleichem Betrag besitzen. Dies weil grössere Noten mental weniger leicht austauschbar sind als kleinere: Den Besitz einer 100er-Note vergisst man weniger schnell als denjenigen einer 10er-Note. Ausserdem werden kleinere Beträge stets in Banknoten bevorzugt als ein etwas grösserer Betrag in Münzen. Die 10-Franken-Note als kleinste Stückelung bietet akkurat an der Schwelle zum Fünfliber deshalb die grössten Vorteile. Bargeld ist folglich nicht nur Mittel zum Zweck, sondern vielfach mit emotionalen Aspekten verbunden, die über den alleinigen Austausch von Gütern und Dienstleistungen hinausgehen, sei es beispielsweise aufgrund der Identifikation mit der «vielseitigen Schweiz», sei es aufgrund eines innovativen Produkts und Kunstobjekts oder sei es aufgrund der Möglichkeit der Wertaufbewahrung. Bargeld bietet einen Hauch von Freiheit, innerhalb der Schweiz unabhängig zu sein.

Die Lancierung der letzten verbleibenden drei Notenwerte (200-, 1000- und 100-Franken-Note) der neuen Serie wird deshalb wieder ähnlich hohe Wellen schlagen.

Tobias Trütsch Universität St. Gallen

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