Bankrott nach gut zehn Jahren +++ Fenster zu bei Swisswindows +++ 170 Mitarbeiter auf die Strasse gestellt +++ Produktionsausfall wegen Cyberattacke

Ruinöser Preiskampf fordert Opfer: Der Mörschwiler Fensterbauer hat am Mittwoch Konkurs angemeldet. Mitarbeitende sind schockiert

Stefan Borkert
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Düstere Aussichten für Mitarbeiter, denn Swisswindows ist bankrott.

Düstere Aussichten für Mitarbeiter, denn Swisswindows ist bankrott.

Bild: Gian Ehrenzeller/key

Die Nachricht kam dann doch überraschend: Swisswindows, 2009 als zweitgrösster Schweizer Fensterbauer gestartet, hat die Bilanz deponiert. Der Konkurs ist eröffnet. 170 bis 180 Mitarbeitende stehen plötzlich auf der Strasse. Schon länger hatte man gemunkelt, dass Swisswindows in finanzieller Schieflage sei. In der Branche tobt seit einigen Jahren ein ruinöser Preiskampf. Womöglich hat Swisswindows dabei einfach auf das falsche Pferd gesetzt. Die Arbonia etwa hat mit Fenstertochter Egokiefer die Produktion ins billigere Ausland verlagert und so wieder die Gewinnzone erreicht.

Bei Swisswindows sagte noch Ende 2017 der damalige CEO Dölf Müller: «In den vergangenen Wochen und Monaten haben zahlreiche Industrieunternehmen Schlagzeilen gemacht, indem sie ihre Produktion ins Ausland verlagert oder gar ganze Produktionsstandorte in der Schweiz geschlossen haben. Die Entscheider argumentierten oft mit den hohen Lohnkosten auch im Zusammenhang mit der Aufhebung des Mindestkurses vor zwei Jahren.» Was auf den ersten Blick plausibel klingen möge, sei für Swisswindows keine Option. «Wir setzen weiterhin auf den Produktionsstandort Schweiz.» Für Swisswindows seien Faktoren wie eine gesunde Volkswirtschaft, eine stabile Währung, hochqualifizierte Mitarbeiter und eine gute Arbeitskultur gleichbedeutend wie ein gesundes Unternehmensergebnis.»

Mitarbeiterzahl nach sieben Jahren halbiert

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Mitarbeiterzahl von Swisswindows seit Gründung der Gruppe schon mehr als halbiert. «Wegen dem Preiskampf haben andere Firmen ihre Produktion ins Ausland verlagert», sagt auch Daniel Wessner, Leiter des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Mit der Schliessung des Standortes in Müllheim ist auch der Thurgau betroffen. In St.Gallen trifft es Mörschwil und Steinach. Wobei für Steinach mit Stadler Rail schon eine Lösung für das Firmengelände gefunden worden ist. Ein weiterer Standort befindet sich in Härkingen.

Die Nachricht, dass Swisswindows bankrott ist, hat auch die Behörden in den Gemeinden überrascht. Urs Benz, Leiter des Konkursamtes des Kantons St.Gallen, bestätigt unterdessen, dass der Konkurs eröffnet worden ist und Swisswindows nun einem Konkursverwalter unterstellt wurde.

Im Falle eines Konkurses gibt es für betroffenen Mitarbeiter keinen Sozialplan und kein Konsultationsverfahren. Aber die Mitarbeiter können Insolvenzentschädigung geltend machen, bis vier Monate vor dem Konkurs. Ausserdem geniessen Lohnforderungen Vorrang.

Bein Swisswindows in Mörschwil steht jetzt alles still.

Bein Swisswindows in Mörschwil steht jetzt alles still.


Nik Roth

Böse Vorahnungen, dann die Hiobsbotschaft

Den Mitarbeitern von Swisswindows schwante nichts Gutes, als sie am vergangenen Dienstagabend eine Mail mit der Einladung zu einer Versammlung auf Mittwoch am Hauptsitz von Swisswindows erhalten hatten. Ein Mitarbeiter sagte, er habe es schon geahnt, als die E-Mail kam. «Wenn alle Mitarbeitenden an den Hauptsitz zitiert werden, dann heisst das nichts Gutes.» Tatsächlich kam die Hiobsbotschaft am Mittwochmorgen, vom Chef persönlich, dass der Konkurs eröffnet wurde. Bei den 170 bis 180 Mitarbeitenden sitzt der Schock noch immer tief.

Der 55-jährige Angestellte sagt:

Wovon sollen wir jetzt leben? Wovon soll ich meine Rechnungen bezahlen? Ich weiss nicht, ob wir diesen Monat überhaupt einen Lohn bekommen werden.»

Er sei extrem enttäuscht und verzweifelt. Seine Stimme bricht am Telefon immer wieder. Seit zwei Jahren ist er bei der Firma angestellt, hat in Müllheim und Mörschwil gearbeitet, hat sich wohl gefühlt und immer «alles gegeben». «Ich war einfach so froh, dass ich einen Job hatte.»

Die Auftragslage der Swisswindows sei wohl nicht gut gewesen, sagt er. «Wir hatten aber alle die Hoffnung, dass die Firma überleben kann.» Der Zusammenhalt unter den Mitarbeitenden sei stark. Er mache sich Sorgen um jene Arbeitskollegen, die eine Familie versorgen müssen.

Die Schlagzeilen eröffnet hat der Radiosender FM1 Today, der unmittelbar nach der Mitarbeiterversammlung berichtete. Inzwischen hat die Gewerkschaft Unia Hilfestellung für die Mitarbeitenden angekündigt.

Von der aktuellen Unternehmensleitung war noch niemand zu erreichen. Anfragen blieben bislang unbeantwortet.

Internes Schreiben an Geschäftspartner

Dem Regionaljournal Ostschweiz von Radio SRF liegt ein internes Schreiben des Verwaltungsrats vor, wie es am Donnerstagmorgen online vermeldet. Darin heisst es, dass der Grund für den Konkurs «in einer Reihe von Ereignissen» liege. Einerseits sei die Konsolidierungsphase der Fensterbranche ein Grund für den Konkurs. Ein Sanierungsplan und Restrukturierungen hätten das Geschäftsergebnis während zwei Jahren zwar verbessert. Eine massive Cyberattacke auf die Systeme habe im Mai 2019 aber zu einem herben Rückschlag für das Unternehmen geführt. Die Folge: ein Produktionsausfall von über einem Monat, begleitet von «massiven» Folgekosten.

Der Absturz der Nummer zwei

Swisswindows ist 2009 entstanden. Damals haben sich drei Traditionsunternehmen zusammengeschlossen: Die 1912 gegründete Schreinerei und Zimmerei Herzog aus dem thurgauischen Müllheim, die Oftringer Kufag AG (1972) und die Dörig Fenster Service AG in Mörschwil (1981). Dörig wiederum war 1999 von der Swisspor- Gruppe der Gebrüder Bernhard und Georges Alpstaeg übernommen worden. Unter der Marke Swisswindows bildeten die drei Hersteller die neue Fensterdivision der Swisspor-Gruppe mit Hauptsitz in Stans.
Damals war noch von mehr als 500 Mitarbeitern die Rede und, dass Swisswindows die Nummer zwei der Fensterbauer wird. Swisspor ist Sponsor des FC Luzern, dessen Stadion Swissporarena heisst. Der Absturz folgte schon fünf Jahre nach der Fusion. 2014 kam es bereits zu einer ersten grossen Streichrunde von 70 der damals noch 350 Stellen. 2017 ist dann auch Bernhard Alpstaeg von Swisspor aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden.
Seit Dezember 2017 führt, laut Handelsregister, bei Swisswindows der Unternehmer Resat Meta als Verwaltungsratspräsident das Zepter. Der Standort Steinach sollte sowieso geschlossen werden. Neuer Mieter der Hallen im Schöntal wird die Stadler Rail AG. (bor)