Banker wahrsagen nicht

Podium Wie genau man Entwicklungen voraussehen kann und wo die Grenzen in Sachen Gesellschaftsprognosen liegen, ist am Networking-Tag der FHS Alumni in St. Gallen thematisiert worden.

Christof Lampart
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Es ist eine illustre Runde, die das Ehemaligen-Netzwerk der Fachhochschule St. Gallen, die Alumni, in die Olma-Messe ans Podium geladen hatte. Vor gut 770 Personen stand dabei die Frage im Mittelpunkt, welches die nächste Innovation sein werde, die Menschheit und Märkte voranbringen. Die Experten sahen sie im Bereich der psychosozialen Kompetenz.

SRF-Moderatorin Sonja Hasler leitete das Podium mit dem Chef von Raiffeisen Schweiz, Patrik Gisel, Philosoph und Autor Philipp Tingler sowie dem Historiker und Politikwissenschafter Claude Longchamp. Zunächst ging es um die Vorhersehbarkeit von gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen.

Dass die Podiumsteilnehmer dabei mit ihrem Horoskop konfrontiert wurden, irritierte die drei Männer zwar zuerst. Und doch liessen sie sich auf das Spiel ein. Auch wenn Gisel sich partout weder einen Umzug noch einen Jobwechsel andichten lassen wollte. Er betonte, dass er von Horoskopen nichts hält: «Wir Banker wahrsagen nicht, sondern bewerten Szenarien. Wahrsagen ist immer die falscheste Annahme.» Dass sich aber auch im Bankensektor viel geändert hat und noch ändern wird, ist auch Gisel klar: «Früher warteten wir in der Bank, dass die Kunden zu uns kamen. Heute müssen wir uns aktiv um die Kunden bemühen. Es braucht also die Bank in ihrer klassischen Form nicht mehr, wohl aber als Spezialität in den verschiedenen Teilen der Wertschöpfungskette.» Auch Longchamps räumte ein, dass es ihn ärgere, wenn seine Abstimmungs- und Wahlprognosen als unfehlbar eingestuft würden. «Die Leute machen aus jeder Zustandsbeschreibung eine Prognose. Doch die Zustände ändern sich während einer Abstimmungskampagne jedoch laufend». Was er jedoch aus empirischen Untersuchungen heraus sagen könne, ist, dass in 17 von 20 Fällen eine Volksinitiative an der Urne abgelehnt werde. «Damit ist im Hinblick auf den 25. September eigentlich schon alles gesagt.»

Bei 120 Abstimmungen einmal daneben

In seinem Vertrag mit dem Fernsehen stehe, dass er eine Trefferquote von 95 Prozent liefern müsse. Diese habe er erreicht: «Bei 120 Abstimmungen lag ich einmal klar daneben. Ich könnte mir also noch ein paar Fehler leisten», so Longchamp schmunzelnd. Bei einer konkreten Frage, nämlich wie lange es die BDP noch geben werde, liess sich der Wahlforscher nicht auf die Äste heraus, stellte jedoch fest, dass die BDP gleich zu Beginn ihrer Existenz ihren bisherigen Höhepunkt in der Form von zwei Bundesräten hatte. Bei der SP habe der gleiche Schritt hingegen 71 Jahre gedauert. Bei einer solchen Entwicklung könne es eigentlich nur nach hinten losgehen, aber die BDP halte sich besser als gedacht. «Wir haben in der Schweiz heute sieben Parteien mit einem Wähleranteil von rund fünf Prozent. Das sind eindeutig einige zu viel.» Aber ob die BDP die erste sein wird, die verschwindet, könne er nicht sagen. Befragt nach den aktuellen Gesellschaftstrends, erklärte Philipp Tingler, dass es diese nicht mehr im gleichen Masse wie früher gebe. Denn heute könne man vieles leicht ändern, wenn man es nur wolle.

Deshalb werde der Körperpflege des Mannes eine viel grössere Beachtung als noch vor wenigen Jahrzehnten geschenkt. Während einst die Körperfülle als mehr oder weniger gegeben betrachtet worden sei, würden heute Nichtschlanke als Menschen wahrgenommen, die zu faul seien, um etwas zu tun. «Die eigene Verantwortung für die eigene Aussenwirkung ist gestiegen», so Tingler, denn Gelegenheiten, sich zu ändern, gebe es genug. Für wie wichtig das Thema sei, zeige auch, dass Trumps Haare im US-Wahlkampf ebenso ein Gesprächsthema seien wie auch die exorbitanten Coiffeurkosten von Frankreich-Präsident Hollande.