Balanceakt der Europäischen Zentralbank

Börsenspiegel

Urs Kundert Credit Suisse Ostschweiz
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Das Wachstum in der Eurozone war im 1. Halbjahr 2017 erfreulich stark, und der Ausblick für die kommenden Monate bleibt günstig. Allerdings liegt die Inflation weiter deutlich unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) und dürfte in den kommenden Monaten kaum deutlich steigen.

Markt reagiert sensibel auf EZB-Äusserungen

Die EZB sieht sich daher mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, die Märkte auf eine allmähliche Reduzierung der monat­lichen Wertpapierkäufe vorzubereiten, gleichzeitig aber deutlich zu machen, dass dieser Prozess von der Datenlage abhängen und einer sorgfältigen Steuerung unterliegen wird. Wie schwierig dieser Balanceakt für die EZB ist, zeigte die Marktreaktion auf eine Rede von EZB-Präsident Mario Draghi. Er sagte lediglich, dass anhaltend starke Konjunkturdaten gewisse Anpassungen der Instrumente der EZB rechtfertigen würden, um die geldpoli­tische Ausrichtung weitgehend unverändert zu halten.

Trotzdem löste die Rede ­einen deutlichen Anstieg der Staatsanleiherenditen in der Eurozone aus und der Euro-Dollar-Kurs sprang von 1.12 auf 1.135. In den kommenden Monaten wird die EZB ihren langen Weg der geldpolitischen Normalisierung weiterverfolgen. Ende Juli sagte sie lediglich, man werde «im Herbst» eine Entscheidung treffen, was prinzipiell alle drei verbleibenden EZB-Sitzungen im Jahr 2017 einschliesst. Somit ist das Risiko hoch, dass auch an der nächsten Sitzung vom 7. September keine neuen Informationen bekanntgegeben werden. Allerdings wäre dieser Termin günstig, da dann die neuen Makroprognosen verfügbar sein werden.

Reduzierte Wertpapierkäufe

Unabhängig davon, an welcher Sitzung die Reduzierung der ­Anleihekäufe verkündet wird, erwartet die Credit Suisse, dass die EZB in einem ersten Schritt ihre monatlichen Wertpapierkäufe ab Januar 2018 um 15 bis 20 Milliarden Euro verringert. Quartalsweise Reduktionen in gleichem Ausmass in 2018 scheinen dabei recht wahrscheinlich. Allerdings kann die EZB auch vorsichtiger vorgehen und zunächst die neue Kaufgeschwindigkeit für ein halbes Jahr fixieren. Der genaue Weg wird entscheidend von den kommenden Wirtschaftsdaten abhängen. Insgesamt erwartet die CS, dass das Kaufprogramm spätestens im September 2018 beendet ist. Die Leitzinsen dürfte die EZB so lange unverändert lassen, wie sie Wertpapiere kauft. Eine leichte Anpassung des Einlagenzinses dürfte frühestens Ende 2018 erfolgen. Eine Änderung des Hauptrefinanzierungssatzes frühestens Mitte 2019.

Urs Kundert Credit Suisse Ostschweiz