AUTOMATION: Menschen sollen Roboter führen

Die Industrie kann immer mehr Arbeitsprozesse der künstlichen Intelligenz übergeben und so auch Personal einsparen. Um Roboter zu bedienen und weiterzuentwickeln, braucht es aber viele neue Fachkräfte.
Robert Wildi
Auch wenn Roboter uns Arbeit abnehmen – die Interaktion zwischen Mensch und Maschine spielt eine zentrale Rolle. (Bild: Getty/Westend61)

Auch wenn Roboter uns Arbeit abnehmen – die Interaktion zwischen Mensch und Maschine spielt eine zentrale Rolle. (Bild: Getty/Westend61)

Robert Wildi

Dass die Digitalisierung den Arbeitsmarkt in fast allen Industrien und Branchen massiv verändern wird, bestätigt eine aktuelle Studie von Deloitte mit dem Titel «Mensch und Maschine: Roboter auf dem Vormarsch? Folgen der Automatisierung für den Schweizer Arbeitsmarkt». Sie kommt zum Schluss, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten fast 50 Prozent der aktuell Beschäftigten in der Schweiz durch die Automatisierung ersetzt werden können.

Die auf den ersten Blick erschreckende Aussicht wird von den Erstellern der Studie sofort relativiert. «Das errechnete Automatisierungspotenzial ist rein theoretischer Natur», sagt Markus Koch, Head Strategic Development und Partner bei Deloitte Schweiz. Viele der angedachten digitalen Anwendungen könnten sich im Endeffekt als zu teuer und zu wenig Nut- zen bringend erweisen, so dass trotzdem davon abgesehen werde. Dazu gibt es neben dem «Substitutionseffekt» (Technik ersetzt Mensch) auch verschiedene «Komplementäreffekte». Da sämtliche digitalen Systeme, Technologien und Maschinen entwickelt, gebaut und bewirtschaftet werden müssen, führe dies unweigerlich zu vielen neuen Jobprofilen und Arbeitsstellen.

Steile Nachfrage für Automations-Bildungsgänge

Weil die Entwicklung rasant von- statten geht, sind etliche Industrieunternehmen schon heute mit einem akuten Mangel an Fachkräften zur Besetzung der neuen Stellen konfrontiert. Primär gefordert sind hochwertige Aus- und Weiterbildungsangebote, um entsprechende Profis rasch und gezielt an die aktuellen Anforderungen rund um automatisierte Arbeitsprozesse heranzuführen.

Voran geht zum Beispiel das Ostschweizer Zentrum für berufliche Weiterbildung (ZbW), welches im April 2018 an seinen Standorten St. Gallen und Sargans erstmals mit dem neuen Lehrgang «Dipl. Techniker/in HF Automation» ins Rennen steigt. «Die erste Klasse für den ‹HF Automation› war infolge grosser Nachfrage bereits früh ausgebucht», berichtet der Lehrgangsleiter Thomas Michel. Beliebt sind am ZbW auch die etablierten Lehrgänge «Dipl. Techniker/in HF Elektrotechnik» sowie «HF Maschinenbau». Auch sie greifen gemäss Thomas Michel verschiedene Themen der industriellen Automation auf.

Wenig erstaunlich ist, dass ähnliche gelagerte Bildungsangebote auch anderswo derzeit einen Boom erleben. An der ABB Technikerschule in Baden etwa, wo berufsbegleitende Bildungsgänge in verschiedenen technischen Disziplinen offeriert werden, hat sich die Nachfrage für das Angebot «Dipl. Techniker/in HF Systemtechnik» in den letzten fünf Jahren auf heute 150 Studierende verdoppelt. «Der Bereich Automation wird in diesem Lehrgang sehr umfassend geschult», liefert Rektor Kurt Rubeli einen der Hauptgründe für den Andrang.

Enge Verknüpfung mit der Wirtschaft

Um die Bildungsinhalte konsequent auf die aktuellen Marktbedürfnisse zu trimmen, stehen die Institute in einem regen Austausch mit der Industrie. Die ABB Technikerschule rekrutiert Studierende aus über 300 Unternehmen vorwiegend aus dem Kanton Aargau, aber auch Zürich und anderen umliegenden Kantonen. «Wir sind überzeugt, durch unsere Arbeitsmarktnähe einen wichtigen Beitrag für diese Wirtschafts- und Industriepartner zu leisten», sagt Kurt Rubeli.

Als wichtiger Bildungspart-ner für zahlreiche Ostschweizer Unternehmen, von Grossfirmen wie Bühler und Eugster Frismag über KMU wie Noventa bis hin zu Kleinbetrieben, hat sich das ZbW St. Gallen etabliert. «90 Prozent unserer Absolventen kommen aktuell aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau, beider Appenzell und aus dem Fürstentum Liechtenstein», sagt Thomas Michel.

Am Standort Sargans ist auch der Bündner Anteil der Studierenden sehr hoch. Die überproportional wachsende Nachfrage für sämtliche Lehrgänge rund um das Thema digitalisierte Arbeitsprozesse bestärkt beide Anbieter, weiter ins Thema zu investieren. An der ABB Technikerschule können Interessierte im Laufe dieses Jahres erstmals ein Nachdiplomstudium im Bereich der technischen Digitalisierung (Industrie 4.0, Smart Home, Smart Grid etc.) in Angriff nehmen. Das ZbW ist derweil intensiv an der Entwicklung von neuen Bildungsangeboten im Bereich «Mobile Roboter» und «Smart Factory», was einer regen Nachfrage von Seiten der Partnerunternehmen entspricht. «Im Laufe von 2018 werden wir zudem unser modernes Robotik-Labor weiter öffnen und für Interessenten aus der ganzen Schweiz zwecks Schulungen auf den neusten Robotermodellen zugänglich machen», so Thomas Michel.

270 000 neue Stellen bis 2030

Die Investitionen scheinen mehr als gerechtfertigt. So rechnet auch die Deloitte-Studie vor, dass die Automatisierung unter dem Strich auf lange Sicht einen Stellenüberschuss produzieren werde. Das habe bereits die Vergangenheit bewiesen. «Im Zeitraum von 1990 bis 2013 sind in der Schweiz trotz massiver Automatisierung per Saldo rund 800 000 zusätzliche Stellen entstanden», sagt Markus Koch. Der Trend werde sich fortsetzen und bis rund 2030 über alle Branchen hinweg einen weiteren Überschuss im Rahmen von 270 000 Stellen gegenüber dem Status quo erzeugen.

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