AUSSCHÜTTUNGEN: Am Dividenden-Zenit angekommen

Trotz sinkender Gewinne ändern die 30 grössten Schweizer Publikumsgesellschaften ihre Dividendenpolitik kaum. Im letzten Jahr schütteten sie fast 40 Milliarden Franken an die Aktionäre aus. Mehr geben die Gewinne nicht mehr her.

Daniel Zulauf
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Schon ein paar Franken Dividende pro Aktie zahlen sich aus – vor allem, wenn man viele Anteile am Unternehmen besitzt. (Bild: Martin Rüetschi/Keystone)

Schon ein paar Franken Dividende pro Aktie zahlen sich aus – vor allem, wenn man viele Anteile am Unternehmen besitzt. (Bild: Martin Rüetschi/Keystone)

Daniel Zulauf

Die Eigentümer der 30 grössten Publikumsgesellschaften an der Schweizer Börse streichen in diesen Tagen und ­Wochen Dividenden von insgesamt fast 40 Milliarden Franken ein. Das sind rund 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr, wie die jährlich von unserer Zeitung vorgenommene statistische Auswertung zeigt. Doch die Zunahme der Ausschüttungen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verflacht. Während die 30 vom Swiss Leader Index (SLI) repräsentierten ­Gesellschaften ihre Dividendenzahlung in den ersten Jahren nach der Finanzkrise zeitweise um durchschnittlich gegen 10 Prozent erhöht hatten, fielen die Zuwachsraten zuletzt stets ähnlich bescheiden aus wie in diesem Frühjahr.

Die Abflachung der Dividendenkurve hat einen einfachen Grund: Um höhere Ausschüttungen vornehmen zu können, müssten die Firmen deutlich mehr verdienen. Doch im Vergleich zu 2012 musste jedes dritte der 30 beobachteten Unternehmen einen Gewinnrückgang hinnehmen. Allein die drei Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis erlitten im Sechsjahresvergleich Einbussen von insgesamt mehr als 4 Milliarden Franken. In der vorliegenden Auswertung erreicht die sogenannte Ausschüttungsquote mit 98 Prozent einen absoluten Rekordwert. 2010 hatten die Firmen im Mittel lediglich 45 Prozent ihrer Gewinne an die Aktionäre abgeführt. Seither ist die Quote stetig gestiegen (vgl. Grafik).

Ein Dutzend Familien streichen 15 Prozent aller Dividenden ein

Wie meistens ist freilich auch die aktuelle Statistik nicht ganz frei von verzerrenden Effekten. So lässt die amerikanische Steuerreform insbesondere die Ergebnisse der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse deutlich schlechter aussehen, als sie es in Tat und Wahrheit sind. Die Wertberichtigung auf latenten Steuerguthaben aus früheren Verlustjahren ist durch die Steuererleichterung ­weniger wert geworden und musste deshalb zu Lasten der Erfolgsrechnung, aber nicht zu Lasten des Eigenkapitals teilweise abgeschrieben werden. Dieser Trump-Effekt drückt die Gewinne der Grossbanken um mehr als 5 Milliarden Franken, schränkt ihre Dividendenfähigkeit aber nicht ein, weil er ohne Wirkung auf das Eigenkapital bleibt. Auch der ­Zementkonzern LafargeHolcim und der Backwarenhersteller Aryzta verbuchten hohe Verluste von 1,7 Milliarden beziehungsweise fast 1 Milliarde Franken, die einer ausserordentlichen Wertberichtigung von Vermögenswerten geschuldet sind. Umgekehrt haben Firmen wie der Chemie- und Pharmahersteller Lonza, der Versicherer Swiss Life oder der Bauchemieproduzent Sika wie auch die Zürcher Vermögensverwaltungsbank Julius Bär ihren Gewinn seit 2012 vervielfacht beziehungsweise mehr als verdoppelt.

Obschon also die Gewinne der 30 Unternehmen zwischen 2012 und 2017 um rund 7,5 Milliarden Franken abgenommen haben, hat sich die Summe der ausbezahlten Dividenden um 7,3 Milliarden Franken erhöht. Allein Roche, Novartis und Nestlé erhöhten ihre Ausschüttungen um mehr als 2 Milliarden Franken. Auch die UBS lässt ihren Aktionären heuer 2 Milliarden Franken mehr zukommen als noch vor sechs Jahren.

«Der Dividendensegen ist ein Phänomen, das wir seit der Finanzkrise in allen westlichen Volkswirtschaften beobachten», sagt Anastassios Frangulidis, Investmentchef bei der Genfer Privatbank Pictet. «Die hohen Ausschüttungen zeugen von der fehlenden Bereitschaft der Unternehmen, ihre Gewinne zu reinvestieren.» Ein Grund dafür sei die mit der Krise gestiegene Unsicherheit sowohl auf Seiten der Anleger als auch auf Seiten der Manager. Tatsächlich sind die weltweiten Folgen der Krise bis heute nicht ganz ausgestanden, und in etlichen Märkten einschliesslich Europa ist nach wie vor von einer Nachfrageschwäche die Rede. Aus Sicht der Investoren erscheint die Präferenz für hohe Ausschüttungen durchaus rational. «Dividenden sind der sicherere und wertvollere Teil der Gesamtperformance einer Investition», sagt Frangulidis. «Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Vermögensverwalter versucht, die Dividende im unmittelbaren Interesse seiner Kunden zu maximieren.» Ökonomisch setzt Frangulidis aber «ein paar Fragezeichen» hinter den Dividendenrausch. «Wenn die Investitionen auf dem Kapitalstock eines Unternehmens dauerhaft zurückgefahren werden, sinkt längerfristig auch die Rendite», erklärt der Ökonom. Das wiederum kann kaum im Interesse der Aktionäre sein.

Vertreten in den Gesellschaften der Vorväter

Zu diesen zählen auch in den Schweizer Publikumsgesellschaften immer noch zahlreiche Familien, die in den Gesellschaften ihrer Vorväter ein mehr oder weniger grosses Gewicht als Eigentümer ausüben. Rund ein Dutzend Familien oder Privatpersonen streichen in den 30 SLI-Firmen Jahr für Jahr mehr als 5 Milliarden Franken oder fast 15 Prozent aller Dividenden ein. Zwei Drittel davon gehen auf die Konti der Familien Hoffmann und Oeri, den Erben der Roche-Gründer. Aber auch die Familien Sandoz und Landolt sind mit ihrem inzwischen nur noch kleinen Novartis-Anteil weiterhin Grossverdiener in Sachen Dividenden. Nebst den alten Industriellenfamilien ist auch ausländisches Familiengeld in Schweizer Grossfirmen vertreten. Besonders auffallend ist aber die Position des Vermögensverwalters Blackrock, der stellvertretend für seine Fondsinvestoren aus der ganzen Welt 1,3 Milliarden Franken Dividenden aus den 30 SLI-Firmen bezieht.

Das Erfolgsmodell von Blackrock sind sogenannte passive Anlagen, bei denen nicht die Selektion einzelner Aktien, sondern vielmehr die Auswahl ganzer Märkte im Vordergrund steht. Der Trend zum passiven Anlegen hat Blackrock zu einem der weltweit mächtigsten Investoren gemacht. Erst im vergangenen Jahr liess Blackrock-Chef Larry Fink die Chefs der grössten Unternehmen in einem Brief wissen, dass er die ihm anvertrauten Stimmrechte künftig stärker an den Generalversammlungen zu nutzen gedenke.