«Aus dem Sumpf gezogen»

Der Eurostaat Irland als einstiges Sorgenkind Europas steht wirtschaftlich wieder gut da. Die Dubliner Regierung profitiert davon bisher nicht.

Sebastian Borger
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DUBLIN. Irland hat in den letzten beiden Jahren überwiegend durch positive Neuigkeiten von sich reden gemacht. Ende 2013 entkam die Insel nach dreijähriger Abhängigkeit vom Internationalem Währungsfonds (IWF), von der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission als erstes Sorgenland der Eurozone der Kuratel dieser Troika. Seither geht es immer weiter bergauf. Laut dem Forschungsinstitut Esri verzeichnete Irland 2014 rund 5% Wirtschaftswachstum, die Arbeitslosenquote sank auf 11%. Steigende Immobilienpreise, tiefe Zinsen, ein erfreulicher Zugewinn an Arbeitsplätzen: Viele Faktoren tragen zum Optimismus bei.

Optimismus? Den empfinden die 4,6 Millionen Iren bisher nicht. Bei der EU-Wahl im Mai 2014 straften sie die grosse Koalition zwischen der konservativen Fine Gael und Labour unter Premier Enda Kenny heftig ab. Die letzte Ipsos-Umfrage ergab jämmerliche 25% für beide Regierungsparteien; bei der Wahl 2011 hatten sie gemeinsam 55% und eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erreicht. Laut der Umfrage würde ein Drittel der Wähler jetzt für Splitterparteien oder Unabhängige stimmen.

«Erheblicher Gleichmut»

Weil sich ausserparlamentarische Proteste bisher in engen Grenzen hielten und auch ein Tarifpakt zwischen Regierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften alle harten Einsparungen überstanden hat, darf Kenny hoffen, bis zur Wahl 2016 das Ruder herumzureissen. «Wir haben unpopuläre Entscheide getroffen und so das Land aus dem Sumpf gezogen», lobt sich der Konservative. Dabei hätten die Iren «erheblichen Gleichmut» gezeigt, pflichtet ihm Labour-Minister Brendan Howlin bei.

Unbescholtene zahlen die Zeche

Büssen mussten indessen all jene, die mit der Verantwortungslosigkeit der Banken und dem irischen Immobilienboom zu Anfang des Jahrtausends nichts zu tun hatten. Weil die damalige Regierung unter Druck aus Brüssel und Frankfurt 2008 den irischen Grossbanken einen Blankocheck ausgestellt hatte, musste im November 2010 die Troika dem bankrotten Staat mit 67,5 Mrd. € zu Hilfe eilen. Seither erhalten Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Rentner bis zu 20% weniger als vor dem Crash, die Einkommen im öffentlichen Dienst fielen um 14%. Ein hoher Preis für die Sparmassnahmen, mit denen Dublin das Vertrauen der Finanzmärkte und der EU-Partner zurückgewonnen hat.