Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Demokratischer Sozialismus in den USA: Konzernchefs fürchten sich um den Kapitalismus

In den USA sorgen sich prominente Unternehmer um den Zustand des Kapitalismus. Nun fordern sie ihre Mitmanager dazu auf, Lösungen für wichtige wirtschaftspolitische Probleme zu finden.
Renzo Ruf, Washington
Jamie Dimon, Chef der Grossbank JP Morgan Chase, schaltet sich in die politische Debatte um den Zustand des Kapitalismus ein. (Bild: Justin Sullivan/Getty (San Francisco, 4. November 2015))

Jamie Dimon, Chef der Grossbank JP Morgan Chase, schaltet sich in die politische Debatte um den Zustand des Kapitalismus ein. (Bild: Justin Sullivan/Getty (San Francisco, 4. November 2015))

Auf eine Präsidentschaftskandidatur verzichtete er zwar, angeblich nach einer längeren Bedenkzeit. Aber Jamie Dimon, seit mehr als 13 Jahren Konzernchef der Grossbank JP Morgan Chase, will sich allem Anschein nach künftig (wieder) stärker in die politische Debatte einmischen. Und als erstes Thema hat sich der 63-jährige Spitzenbanker und Multimillionär ausgerechnet eines der aktuell heissesten Eisen ausgesucht: Die Diskussion um den Zustand des Kapitalismus amerikanischer Prägung.

In seinem jährlich publizierten Aktionärsbrief – der an der Wall Street einen ähnlichen Status geniesst wie Warren Buffetts Betrachtungen zum Zustand der amerikanischen Volkswirtschaft – zeichnete Dimon zu Monatsbeginn ein recht ungeschminktes Bild. Amerika sei zwar immer noch ein florierendes Land mit einer höchst dynamischen Volkswirtschaft. Aber Indikatoren wie Lohnstatistiken deuteten darauf hin, dass davon immer weniger Bewohner profitierten. Die sozialen Bedürfnisse von viel zu vielen Bürgern würden nicht mehr erfüllt, findet Dimon. Und für diese Entwicklung trügen auch erfolgreiche Grossunternehmen eine gewisse Verantwortung. Denn allzu lange hätten diese Firmen «viele Probleme, mit denen sich unsere Gesellschaft konfrontiert sieht», ignoriert. So könne es nicht weitergehen, sagt der Banker. Erfolgreiche Unternehmer müssten mithelfen, Lösungen zu suchen – weil es nicht möglich sei, Fortschritte zu machen, ohne die Stützen der Wirtschaft in die Debatte einzubeziehen.

Verwandte von Walt Disney kritisiert hohen Managerlohn

Dimon ist nicht der einzige, der die Alarmglocke läutet. So protestierte Abigail Disney, eine Verwandte des legendären Gründers des Unterhaltungskonzerns Walt Disney Co., in einem Meinungsbeitrag in der «Washington Post» gegen die exzessive Entschädigung des Disney-Geschäftsführers Robert Iger. Dieser verdiente im vorigen Jahr mehr als 68 Millionen Dollar oder mehr als das 1424-fache des Mittelwerts eines Disney-Jahreslohnes. Und auch Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater Associates, der 150 Milliarden Dollar verwaltet, meldete sich kürzlich mit einer recht pointierten Kritik an der Unternehmenswelt zu Wort. Der 69-jährige Multimilliardär schrieb in einem selbstpublizierten Manifest, dass sich «alle guten Dinge» ständig weiterentwickeln müssten, sonst drohe die Selbstzerstörung. «Dies gilt nun auch für den Kapitalismus», der in den Augen einer Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung nicht mehr funktioniere.

In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass sich die Liebesaffäre zwischen der amerikanischen Bevölkerung und dem Kapitalismus abkühlt. So findet eine Mehrheit der jungen Amerikaner mittlerweile, dass der Staat die Pflicht habe, arme Menschen unentgeltlich mit einer Unterkunft, mit Nahrung und mit einem Versicherungsschutz zu versorgen, wie der neusten Ausgabe des IOP Harvard Poll zu entnehmen ist. Und immerhin 29 Prozent der 18- bis 29-jährigen Amerikaner sagen, dass die wirtschaftliche Ungleichheit in Amerika treffend mit dem Begriff «Krise» beschrieben werden könne. Dies hat auch Folgen im öffentlichen Diskurs. So bezeichnen sich ­national bekannte Politiker mittlerweile wieder als «Sozialist» oder als «Demokratische Sozialistin», obwohl sie damit Gefahr laufen, vom politischen Gegner als Extremisten bezeichnet zu werden. (Im amerikanischen Englisch werden die Begriffe «Socialist» und «Communist» häufig deckungsgleich verwendet.) Bereits ziehen Forscher Vergleiche zur Weltwirtschaftskrise in den Dreissigerjahren, als der Kapitalismus von links und rechts unter Druck kam und Populisten erstaunliche Wahlerfolge feierten.

Auch Apple-Chef Tim Cook mischte sich in Politik ein

Offen ist, ob die Versuche kapitalistischer Aushängeschilder wie Jamie Dimon den Kapitalismus zu verteidigen und zu reformieren, Früchte tragen werden. Amerikaner sind sich Einmischungsversuche bekannter Manager gewöhnt und stehen dem politischen Aktivismus führender Unternehmer grundsätzlich positiv gegenüber, vor allem wenn Grundsatzfragen debattiert werden. So rührte Warren Buffett im Wahlkampf 2016 die Werbetrommel für Hillary Clinton. Und Apple-Konzernchef Tim Cook spendete Geld für die Demokratin. Obwohl Buffett aber als Ikone des Kapitalismus gilt und die Produkte Cooks in Millionen von Haushaltungen präsent sind, verlor Clinton die Wahl. Mit Sonntagsreden ist es also nicht getan.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.