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Auf Euphorie folgt Ernüchterung

Alle vier Jahre dasselbe: Vor der Fussball-Weltmeisterschaft werden Prognosen über einen wirtschaftlichen Aufschwung als Auswirkung des Sportspektakels herumgeboten. Doch der Katzenjammer lässt nicht lange auf sich warten.
Thomas Griesser Kym
Trikots als Verkaufsrenner: Fans der deutschen Mannschaft vor dem WM-Spiel gegen Costa Rica (Bild: Kevork Djansezian/AP, München, 9. Juni 2006)

Trikots als Verkaufsrenner: Fans der deutschen Mannschaft vor dem WM-Spiel gegen Costa Rica (Bild: Kevork Djansezian/AP, München, 9. Juni 2006)

Mit Grossveranstaltungen im Sport ist oft auch die Hoffnung auf wirtschaftliche Impulse verbunden. So jeweilen auch, wenn alle vier Jahre die Fussball-Weltmeisterschaft vor der Tür steht. Beispiel 2006, als sie in Deutschland stattfand: Damals gingen zu Jahresbeginn zahlreiche Ökonomen davon aus, dass die WM der deutschen Wirtschaft einen Aufschwung bescheren würde. Neue Arbeitsplätze und deren nachhaltiger Erhalt sowie Mehrumsätze in fast allen Branchen wurden erwartet. Die deutsche Regierung etwa rechnete mit einer WM-induzierten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung von 8 Milliarden Euro verteilt über mehrere Jahre und mit 50000 neuen Jobs.

2007 kamen dagegen Ökonomen der Universität Hamburg zum Resultat, dass die WM die Entwicklung der Wirtschaft nicht zusätzlich stimuliert habe. Selbst der Detailhandel, der sich in ­Erwartung der Fussballfans aus ­aller Herren Länder voreilig die Hände gerieben und die Ladenöffnungszeiten verlängert hatte, konnte demnach nicht profitieren. Die Ökonomen verglichen dazu das Dutzend WM-Austragungsorte mit 62 spielfreien deutschen Städten. Ihre Erkenntnis: Es gab keine wesentlichen Abweichungen der Arbeitsplatz- und Einkommenssituation und kaum Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Situation. Im Gegenteil: Manche Betriebe erlitten in den WM-Monaten Juni und Juli sogar Umsatzeinbussen. Zwar reisten 1,3 Millionen WM-Touristen nach Deutschland, und viele Deutsche verzichteten auf Sommerferien im Ausland. Allerdings gab es auch den «Couch Potato Effect», wonach sich die heimischen Fans die WM-Spiele hauptsächlich am Fernseher in der guten Stube ansahen, was höhere Umsätze im Detailhandel und im Gastgewerbe verhinderte. Aus­serdem wichen viele regelmässige Deutschland-Touristen gerade wegen des WM-Spektakels auf andere Destinationen aus. Die Folge: Zahlreiche übliche Sommergeschäfte und Kulturbetriebe machten ein Minus. Auch die Hotels, die mit vollen Häusern während der gesamten WM gerechnet hatten, stellten fest: An spielfreien Tagen blieben viele Betten kalt. Als klare Gewinner identifiziert wurden in erster Linie Bierbrauereien und Textilhersteller. Enorm war die Nachfrage vor allem nach deutschen Trikots, da die Mannschaft im Rahmen des «Sommermärchens» unerwartet bis in die Halbfinals stürmte.

Viele Temporärstellen statt feste Arbeitsplätze

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte als Effekt der WM im Vorfeld gar die Schaffung von 60000 ­zusätzlichen Arbeitsplätzen vorhergesagt und ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von gut 0,3 Prozentpunkten im WM-Jahr. Die meisten Jobs sollten im Gastgewerbe, in der Sicherheits- und in der Werbewirtschaft sowie bei Temporärkräftevermittlern entstehen. Jeder dritte der 60000 neuen Arbeitsplätze sollte dem DIHK zufolge auch nach der WM bestehen bleiben. Jedes siebte der über 20000 befragten Un­ternehmen in Deutschland erwartete positive Effekte der WM für sein eigenes Geschäft. In den Regionen der zwölf Spielorte war es gar jedes fünfte. Gerade 2 Prozent der Betriebe befürchteten negative Effekte. Die Bilanz ein Jahr später zeigte, dass es zwar zur WM etwa 38000 neue Jobs gab, allerdings lediglich saisonal. Mit anderen Worten: Es wurden keinerlei Stellen geschaffen, die nach der WM Bestand hatten.

Gejubelt hat freilich der Deutsche Fussballbund (DFB), trotz des knapp verpassten Finaleinzugs seiner Auswahl. Finanziell feierte der Verband einen Überschuss von 135 Millionen Euro. Ein Teil davon kam den Austragungsorten und Stadionbetreibern zugute, die finanziell beteiligt wurden. Zudem profitierten die Städte von nachhaltigen WM-Sanierungen, wie zum Beispiel Berlin vom sanierten Olympiastadion oder Gelsenkirchen vom neuen Hauptbahnhof. Für Hauptsponsor Adidas war die WM ebenso ein Erfolg. Die Fans kauften neben Trikots auch Bälle und Sportschuhe in Massen und füllten so die Kassen des Sport­artikelherstellers, dessen Gewinn 2006 um 26 Prozent auf 480 Millionen Euro stieg. Über dem Finanzerfolg des DFB schwebt freilich immer noch der Verdacht des Stimmenkaufs, damit Deutschland die WM überhaupt zugesprochen erhalten hatte. Und diesen Monat hat die Staatsanwalt Frankfurt Anklage erhoben ge­gen frühere und aktuelle Fussballfunktionäre – Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, Horst Rudolf Schmidt – wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der WM.

Wenn der Ball rollt, soll auch der Rubel rollen

Nun kommt die WM in Russland. Das Land freut sich auf begeisterte Gäste und hohe Einnahmen. Die Investitionen in den Vorbereitungsjahren seit 2013 hätten bereits 1 Prozent zum Bruttoinlandprodukt (BIP) beigetragen, sagte kürzlich OK-Vorsitzender und Vizepremier Arkadi Dworkowitsch. Ohne WM wäre laut seinen Angaben die russische Wirtschaft in den Krisenjahren noch stärker geschrumpft. Dworkowitsch präsentierte auch eine Studie, wonach der Nach-WM-Tourismus in den kommenden fünf Jahren umgerechnet je 2 bis 3 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen bringen soll. Die Kosten der WM betragen laut offizieller Darstellung über 10 Milliarden Euro, doch Dworkowitsch betont, es sei viel investiert worden in dauerhaft nutzbare Infrastruktur wie Flughäfen, Strassen, Hotels oder Spitäler. Experten zweifeln indessen an den rosigen Prognosen. «Wenn die russische Wirtschaft nicht insgesamt stärker geöffnet wird, wird auch die neue Infrastruktur nicht genutzt», sagte Chefökonomin Natalia Orlowa von der Alfa Bank der Zeitung «Wedomosti». Und Wladimir Tichomirow von der Finanzgruppe BCS sagte, Russlands Ansehen als Reiseland sei nicht gut genug, um nach der WM viele Touristen anzuziehen. Zur WM selber erwartet Russland 695000 einheimische Fans und 568000 ausländische Besucher.

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