Auf die Kriechspur geraten

Solide, aber reformscheu: So präsentiert sich die Lage der Wirtschaft Österreichs. Das viertreichste EU-Land verliert im internationalen Vergleich seit Jahren an Boden.

Rudolf Gruber
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Kontrolle von Automobilteilen in einem Unternehmen des österreichischen Voestalpine-Konzerns. (Bild: pd)

Kontrolle von Automobilteilen in einem Unternehmen des österreichischen Voestalpine-Konzerns. (Bild: pd)

WIEN. Lange galt Österreich als Musterland der Europäischen Union, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung lagen beständig über EU-Niveau. Mittlerweile zeigen nahezu alle wirtschaftlichen Faktoren nach unten. Mehr als die Folgen der globalen Finanz- und Schuldenkrise – die Österreich hauptsächlich mit dem Ende der Goldgräberstimmung in Osteuropa und Russland zu spüren bekam – machen dem Land verkrustete Strukturen und Reformstau zu schaffen. «Wir geraten allmählich auf die Kriechspur, langsam werden wir durchgereicht», stellte Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner fest.

Die Schweiz auf Rang vier

Zwei Drittel des Aussenhandels werden laut Statistik Austria mit der EU abgewickelt. Deutschland ist, ungeachtet der starken Präsenz der österreichischen Wirtschaft im Osten, als Abnehmer von fast 30% der Exporte nach wie vor der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Die Schweiz liegt mit einem Anteil von 5,2% hinter Italien und den USA an vierter Stelle.

Unter den Schnitt gerutscht

Bemerkenswert ist, dass Österreich vom Aufwärtstrend in Deutschland kaum profitiert: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) dürfte heuer um nur 0,8% steigen, während für Deutschland 1,9% prognostiziert werden. Damit zählt Österreich zu den EU-Schlusslichtern. Dafür hat das Land mit fast 2% die höchste Teuerungsrate in der Eurozone. Für 2015 bis 2019 ist erstmals seit vier Jahren leichte Besserung in Sicht: Das Wiener Institut für Höhere Studien (IHS) prognostiziert durchschnittlich 1,6% Wirtschaftswachstum, für die Eurozone 1,9%. 2014 lag Österreich noch einen halben Prozentpunkt über dem Mittel der Euroländer.

Alarmierend ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: In Deutschland sinkt die Arbeitslosenquote, in Österreich steigt sie. Das war jahrzehntelang umgekehrt. Für 2015 prognostiziert das IHS rekordhohe 9,1% (Deutschland 6,8%). Vergangenen Juli waren 380 000 Österreicher ohne Job, so viele waren es zuletzt nur in der ersten Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg. Entspannung ist bei anhaltend flauer Konjunktur nicht in Sicht.

Leben von der Substanz

Keine Frage, Österreichs Wirtschaft steht auf solider Grundlage. Trotz Rekordarbeitslosigkeit gibt es Rekordbeschäftigung, 3,5 Millionen Menschen stehen in Lohn und Brot. Stärkste Stützen sind Export und Tourismus, die zusammen 60% des BIP erwirtschaften. Doch der Binnenmarkt kriselt, die Kaufkraft der Österreicher schrumpft mit dem Einkommen. Die Wirtschaft macht die Regierung für das derzeit schlechte Investitionsklima verantwortlich; zugleich kritisiert die EU-Kommission, die unternehmerische Dynamik könnte in Österreich besser sein. Vor allem in die Zukunft (Forschung und Entwicklung) wird im EU-Vergleich zu wenig investiert. Das viertreichste Land der EU lebt allmählich von der Substanz.

Die Regierung scheut Reformen

Aufgeblähte Verwaltung, grosszügiger Sozialstaat, hohe Steuern und Arbeitskosten, wachsende Staatsverschuldung (87% des BIP), unflexible Arbeitszeiten und nicht zuletzt ein bürokratisch und ideologisch überfrachtetes Bildungssystem schwächen zunehmend den Standort Österreich. Seit 2007 ist das Land laut der IMD-Weltrangliste punkto Wettbewerbsfähigkeit um 15 Ränge auf Platz 26 abgestürzt (Deutschland Platz 10).

Die rot-schwarze Koalitionsregierung hat den Ernst der Lage zwar erkannt, noch aber scheut sie die schmerzlichen Reformen – nicht zuletzt mit ängstlichem Seitenblick auf die Herbstwahlen in der Hauptstadt Wien.