ASSEKURANZ
Helvetia spart trotz Rückkehr in die schwarzen Zahlen – Abbau von 140 Stellen in der Schweiz

Nach dem missratenen ersten Semester des Vorjahrs hat es der Versicherer Helvetia in der Vergleichsperiode 2021 wieder in die schwarzen Zahlen geschafft. Statt Corona belasten nun Unwetter die Helvetia. Bei der Cyberversicherung will Konzernchef Philipp Gmür über die Bücher gehen. Und als Beitrag zum laufenden Sparprogramm auch Stellen streichen.

Thomas Griesser Kym
Drucken
Teilen
Helvetia-Chef Philipp Gmür am Hauptsitz des Versicherers.

Helvetia-Chef Philipp Gmür am Hauptsitz des Versicherers.

Bild: Tobias Garcia (St.Gallen, 7. Januar 2020)

Im ersten Semester 2020 war der Versicherer Helvetia in die roten Zahlen geschlittert. Der Taucher an den Börsen damals im Frühling, ein 40-Millionen-Abschreiber auf einem eingestampften Informatikprojekt und Schadenzahlungen im Zusammenhang mit Corona aufgrund von Betriebsschliessungen und für Reiseversicherungen hatten der Helvetia die Rechnung verhagelt und zu einem Verlust nach Steuern von 17 Millionen Franken geführt.

Tempi passati: Für das erste Semester 2021 weist die Helvetia einen Gewinn nach Steuern von 262 Millionen Franken aus. Dank brummender Börsen ist das Ergebnis aus Kapitalanlagen über die Marke von einer Milliarde geklettert, die Coronafolgen sind überwunden, und die Akquisition des spanischen Versicherers Caser, der im Vorjahressemester noch nicht konsolidiert war, hat nun zum Ergebnis 32 Millionen Franken beigesteuert.

Helvetia schreibt wieder schwarze Zahlen

in Millionen Franken
1. Hj. 2020 1. Hj. 2021 Veränderung %
Geschäftsvolumen 5 657 6 941 22,7
Ergebnis nach Steuern –17 262 -
Ergebnis aus Kapitalanlagen –29 1 147 -
Kapitalanlagen 58 323 60 548 3,8

Hagel als Spielverderber

Helvetia-Finanzchefin Annelis Lüscher Hämmerli.

Helvetia-Finanzchefin Annelis Lüscher Hämmerli.

Bild: PD

Ein Wermutstropfen bleibt: Wegen der Unwetter im Sommer sind allein im Juni 2021 gruppenweit 50'000 Schadenmeldungen bei der Helvetia eingegangen, davon fast 30'000 in der Schweiz und die meisten übrigen in Deutschland und Österreich. Die Schadenlast, die Helvetia daraus schultern muss, beträgt laut Finanzchefin Annelis Lüscher Hämmerli für Juni netto 70 Millionen Franken. Konzernchef Philipp Gmür sagt dazu:

«Vom 17. bis zum 30. Juni 2021 gab es jeden Abend ausser an einem irgendwo in der Schweiz einen Hagelzug.»

Und die Unwetter im Juli und August dürften einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag kosten.

140 Stellen gehen verloren, davon wohl etwa ein Drittel durch Kündigungen

Ihr Geschäftsvolumen hat die Helvetia im Semester um fast 23 Prozent auf 6,94 Milliarden Franken gesteigert. Rund drei Viertel des Zuwachses sind der zugekauften Caser zu verdanken, die 919 Millionen Franken beitrug. Trotz des Wachstumsschubs und der Rückkehr in die Gewinnzone hält die Helvetia am Plan fest, im Rahmen des laufenden Strategieprogramms bis 2025 die jährlichen Kosten um 100 Millionen Franken zu senken.

Das meiste werde über den Sachaufwand bewerkstelligt, sagt Gmür. Aber die Helvetia will bis Ende 2022 auch 140 der 4000 Stellen in der Schweiz abbauen. Dazu wolle der Versicherer schwergewichtig die natürliche Fluktuation und Frühpensionierungen nutzen sowie frei werdende Stellen nicht neu besetzen. Aber, so sagt Gmür:

«Es ist auch bereits zu Kündigungen gekommen, und es wird weitere Kündigungen geben.»

Insgesamt geht Gmür davon aus, dass «eine mittlere zweistellige Zahl an Kündigungen» resultieren wird, «also rund 50».

Mit dem Sparprogramm will die Helvetia unter anderem ihre Combined Ratio, also das Verhältnis der Schäden plus Kosten gemessen an den Prämien, auf netto 92 bis 94 Prozent verbessern. Im ersten Semester 2021 sank diese Kennzahl von 95,9 auf 94,5 Prozent, was Annelis Lüscher Hämmerli als «robuste Quote» bezeichnet, zumal wenn man die Unwetterschäden bedenke.

Internetkriminalität ist unberechenbar

Immer mehr zum Thema wird die Internetkriminalität; Meldungen von Unternehmen, die mit Ransomware attackiert werden, also einer Verschlüsselungs- und Erpressungs-Schadsoftware, häufen sind. Wie andere Versicherer bietet auch die Helvetia eine Cyberversicherung an, doch Gmür sagt über den Trend:

«Die Limiten kommen extrem herunter. Es wird sehr schwierig, eine Cyberversicherung für eine zweistellige Millionensumme abzuschliessen.»

Der Grund: Die Branche hat noch wenig Erfahrung mit Cyberschadenfällen, eine einzelne Attacke kann zu globalen Schäden führen in einem Ausmass, das sich im Voraus kaum quantifizieren lässt.

Gmür sagt zwar, «wir hatten bisher wenig Schadenfälle, unsere Schadenquote ist sehr gut». Dennoch müsse man das Schadenpotenzial neu beurteilen. Und die Helvetia mahnt die Unternehmen zur Vorsicht. So sagt Gmür:

«Viele Cyberangriffe sind nur möglich wegen der Nachlässigkeit der Nutzer der Systeme.»

Als Beispiele nennt er sorglose Klicks auf dubiose E-Mails, die von Hackern zwecks Phishing-Attacken an Mitarbeitende verschickt werden, einen nachlässigen Umgang mit Passwort-Vorschriften oder wenn der Zahlungsverkehr nicht nach dem Vier-Augen-Prinzip abgewickelt wird.

Immerhin: Bei Firmenkunden der Helvetia scheint das Bewusstsein zu reifen, dass auch in der IT Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist. Gmür sagt:

«Wir registrieren eine hohe Nachfrage nach Schulungen zur Schadenverhütung.»

Aktuelle Nachrichten