Asien will den Abfall der Welt nicht mehr - und schickt ihn in die Herkunftsländer zurück

Die Philippinen und Malaysia schicken frachterweise falsch deklarierten Sondermüll in seine Herkunftsländer zurück, auch Thailand und Vietnam wollen nicht mehr gegen Geld wahllos alles aufnehmen. Der Westen droht, auf seinem Abfall sitzen zu bleiben.

Ulrike Putz, Yokohama
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Ein Mann auf den Philippinen sammelt Plastikflaschen in einem durch einen Zaun geschützten Teil eines Flusses ein. Durch den Schutzzaun soll verhindert werden, dass Plastikabfall ins offene Meer gelangt. (Bild: Adolfo Espinosa/Keystone, Cebu City, 7. Juni 2019)

Ein Mann auf den Philippinen sammelt Plastikflaschen in einem durch einen Zaun geschützten Teil eines Flusses ein. Durch den Schutzzaun soll verhindert werden, dass Plastikabfall ins offene Meer gelangt. (Bild: Adolfo Espinosa/Keystone, Cebu City, 7. Juni 2019)

Als das Schiff aus dem philippi­nischen Hafen Subic auslief, schickte der Aussenminister des Archipels den 69 Containern Sondermüll an Bord einen beissenden Gruss hinterher. «Baaaaaaaaa bye, wie wir sagen. Der ­Abfall ist weg. Auf Nimmerwiedersehen!», twitterte Teodoro Locsin. Der Frachter, der am 31. Mai die Leinen losmachte, nahm Kurs auf Vancouver. Nach vier Wochen auf hoher See wird er seine toxische Ladung dann dort abladen, wo sie ursprünglich hergekommen war: in Kanada.

Kanada schickt angebliches Recyclingmaterial auf die Philippinen, die Ladung entpuppt sich jedoch als giftiger Sondermüll: Die Affäre um die bereits zwischen 2013 und 2014 importierten 2400 Tonnen Abfall hat die Beziehungen der beiden Länder seit Jahren belastet. Bereits 2016 hatte ein Gericht in Manila entschieden, dass der Import illegal gewesen sei, weil die Fracht falsch deklariert worden sei. Ottawa wollte die toxische Ladung anfangs jedoch nicht ­zurücknehmen, weil der Export privat abgewickelt worden sei. Kanada liess eine erste vom Gericht gesetzte Frist verstreichen.

Kriegsdrohungen wegen Sondermüll

Im Rahmen des Wahlkampfs für eine wichtige Zwischenwahl kochte das Thema nun wieder hoch, der philippinische Präsident Rodrigo Duterte nutzte sie für nationalistische Propaganda: Die Philippinen würden sich nicht zur Müllhalde der Welt ­degradieren lassen, verkündete er und zog seinen Botschafter aus Ottawa ab. Sollte das Problem nicht schleunigst gelöst werden, werde er den Abfall vor der kanadischen Botschaft in Manila ­abladen oder in kanadische Gewässer kippen lassen, wetterte Duterte. Schliesslich drohte er, die Philippinen würden Kanada «den Krieg erklären».

Die Eskalation hatte Erfolg: Ottawa übernahm die Verantwortung für den Müllberg. «Die kanadische Regierung ergreift alle erforderlichen Massnahmen, um einen sicheren und umweltverträglichen Transport, die Handhabung und Entsorgung der Abfälle in Kanada zu gewährleisten», sagte Mark Johnson, Sprecher des kanadischen Ministeriums für Umwelt und Klimawandel.

China hat sich aus dem Geschäft zurückgezogen

Mit der Weigerung, nicht länger den Dreck der Welt aufzunehmen, stehen die Philippinen in einer länger werdenden Reihe asiatischer Staaten, die sich dagegen auflehnen, als Mülldeponie der Welt benutzt zu werden. Wenige Tage zuvor hatte Malaysia damit begonnen, bis zu 3000 Tonnen Abfall per Schiff zurück nach Kanada, Australien, Grossbritannien und in die USA zurückzubringen.

Umweltministerin Yeo Bee Yin nannte diejenigen, die versuchten, aus illegalem Handel mit gefährlichem Müll Profit zu schlagen, «Verräter». Diejenigen, die für die Zerstörung von Malaysias Ökosystem verantwortlich seien, sollten der Justiz vorgeführt werden, so Yeo vor Ort in Westport, Malaysias grösstem Hafen. Auch Thailand und Vietnam verschärften jüngst die Regeln für den Import von Plastikmüll.

Der Run auf kleine asiatische Länder als Empfänger von Müllexporten ist ein noch recht neues Phänomen: Jahrzehntelang hatte China gegen gutes Geld den Plastikmüll der Welt aufgenommen, um ihn zu recyceln und zu neuen Rohstoffen zu verarbeiten. 2012 etwa soll China nach Angaben von Greenpeace die Hälfte des weltweiten Plastikabfalls – neun Millionen Tonnen – importiert haben. Doch die nachlässige Handhabung des Materials führte zu so schwerer Umweltverschmutzung, dass sich Peking im Januar 2018 in einer plötzlichen Kehrtwende entschloss, dem Abfallimport einen Riegel vorzuschieben. Der Verlust ihres grössten Abnehmers liess Abfallexporteure weltweit händeringend nach Alternativen suchen. Malaysia, die Philippinen, Vietnam, Thailand und Indonesien sahen das als Chance, sich einen Teil des lukrativen Geschäfts zu sichern. Innerhalb eines Jahres verfünffachte Malaysia das Volumen des importierten Mülls, die Philippinen verdreifachten es. Doch nur wenige Monate nach Beginn des Booms zeigte sich, dass das Geschäft mit dem Müll eben doch ein schmutziges ist: Viel des aus westlichen Staaten gelieferten Mülls ist nicht ordentlich getrennt oder bewusst falsch deklariert. Bei anderen Fuhren handelt es sich um Plastik von so schlechter Qualität, dass es nicht recycelt werden kann.

Ganze Berge des Abfalls wurden deshalb in den vergangenen Monaten quer durch die Region illegal am Strassenrand verbrannt oder auf wilden Deponien abgeladen, sodass teils hochgiftige Stoffe freigesetzt wurden. Laut der Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) sind in Asien Hunderte Gewässer so mit Zink, Eisen und Blei verseucht worden. Aufgeschreckt von solchen Berichten setzte in den Hauptstädten ein Umdenken ein. Nur kurz nachdem sie den Müll als Einnahmequelle entdeckt haben, wollen viele Länder ihn nun nicht mehr haben.

«Unzivilisiert und unfair»

Hochentwickelte Länder exportieren ihren Abfall, weil es billiger ist, ihn um die halbe Welt zu verschiffen und dort verbrennen oder recyceln zu lassen, als zu Hause für die vorschriftsmässige Sortierung und Entsorgung zu zahlen. Die Industrienationen profitieren dabei davon, dass in Asien laxere Umweltschutzrichtlinien gelten. «Reiche Nationen schicken ihre Probleme hierher, damit sie die schlechten Umweltstandards ausnutzen können», sagt Lea Guerrero vom Philippinen-Büro von Greenpeace. «Es ist erbärmlich.»

Auch die malaysische Umweltministerin Yeo sieht die Herkunftsländer in der Verantwortung. Es könne nicht sein, dass der Westen sich damit brüste, umweltbewusst zu sein, weil die Bürger dort den Müll trennten. Die Menschen machten sich nicht klar, dass der getrennte Müll ja auch irgendwohin müsse. Die Armut anderer Länder auszubeuten, indem man ihnen das Problem zuschöbe, sei «unzivilisiert und unfair», so Yeo.

Um das Problem in den Griff zu kriegen, soll auf Initiative Norwegens nun das Basler Übereinkommen abgeändert werden. Das Abkommen von 1989 regelt die grenzüberschreitende Verbringung und Entsorgung gefährlicher Abfälle. Es soll dahingehend geändert werden, dass hochentwickelte Länder in Zukunft Sondermüll nur noch mit Spezialgenehmigung in ärmere Länder exportieren dürfen. Empfängerländer sollen künftig den Abfall sichten dürfen, den sie aufzunehmen gedenken.

Reduktion von Plastikabfall ist mehr als nötig

Westliche Länder müssen sich darauf einstellen, mit einem Teil ihrer Hinterlassenschaften bald selbst fertig werden zu müssen. Experten sagen, dass sie dazu in die Forschung und Entwicklung von effizienteren und exakteren Sortiersystemen investieren müssen. Schon bei der Produktentwicklung müsse daran gedacht werden, wie das Objekt später ­recycelt werden könne.

Vor allem aber müsse weniger Plastikabfall produziert werden, sagt Arnaud Brunet, Direktor des Büros für internationales Recycling in Brüssel. «Die Welt ertrinkt in Plastik.» Im vergangenen Jahrzehnt ist die weltweite Kunststoffproduktion nach Angaben des Verbands Plastics Europe von 245 Millionen Tonnen auf 359 Millionen Tonnen gestiegen.