Asien als neue Herausforderung

Zukunftschancen der Schweizer Industrie: «Ein Schlüssel zu preiswerten Qualitätsprodukten liegt in der Messtechnik und im Qualitätsmanagement», sagt Claus P. Keferstein, ehemals Dozent an der NTB in Buchs.

Markus Rohner
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Chancen der Schweizer Industrie liegen in einer guten Ausbildung: Blick in ein Labor der Fachhochschule NTB in Buchs. (Bild: pd)

Chancen der Schweizer Industrie liegen in einer guten Ausbildung: Blick in ein Labor der Fachhochschule NTB in Buchs. (Bild: pd)

Herr Keferstein, in der Schweizer Industrie ist die Messtechnik heute Standard. Wie ist diese überhaupt entstanden?

Claus P. Keferstein. Schon die Ägypter haben für den Bau ihrer Pyramiden Messungen vorgenommen. Im Mittelalter haben Zünfte die Messtechnik weiterentwickelt, um die Qualität zu verbessern. Der Handel tat ein übriges: Im Rheintal gibt es viele Burgen, die auch als Zollstationen dienten. Durchreisende Händler mussten für Waren Zoll entrichten. Dafür wurden Masseinheiten wie Fuss oder Elle eingeführt – um bald zu merken, dass nicht immer mit gleichen Ellen gemessen worden ist.

Und somit waren einheitliche Masse gefordert.

Keferstein: Genau. Die industrielle Arbeitsteilung ab Ende des 19. Jahrhunderts verlangte nach einer reproduzierbaren Messtechnik. Griff früher der Produzent im Notfall zur Feile, um zwei Teile anzupassen, war dies in der Industrialisierung nicht mehr möglich. Wenn ein Teil in Japan, das andere in den USA hergestellt wird und beide in der Schweiz zusammengefügt werden sollen, geht es nicht mehr ohne Messtechnik. Heute muss weltweit nach den gleichen Standards gemessen werden.

War also die Globalisierung der Messtechnik besonders förderlich?

Keferstein: Eindeutig. Ohne Messtechnik keine Arbeitsteilung und ohne Arbeitsteilung kein Wohlstand. Ich bin überzeugt, dass heute über 50 Prozent unseres Wohlstandes dieser Arbeitsteilung zu verdanken sind. Das Prinzip besagt, dass es wirtschaftlicher ist, wenn sich zum Beispiel zehn Personen die Arbeit teilen – sich spezialisieren –, um ein Produkt herzustellen, als wenn jeder dieser zehn Personen sich sein eigenes Produkt baut. Schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannte Frederick W. Taylor die Vorteile dieses Prinzips, und Henry Ford nutzte es Anfang des 20. Jahrhunderts zum Bau seines bekannten «T-Modells».

Führt das nicht zu monotoner Arbeit?

Keferstein: In den letzten Jahrzehnten wurde das Modell besonders in Japan und Europa weiterentwickelt. Es entstanden Arbeitsplätze, die ein Optimum zwischen interessanter und abwechslungsreichen Arbeitsinhalten sowie Spezialisierung zum Ziel haben – um genau dieser Gefahr zu entgehen. Wir können heute nur deshalb preiswerte Autos kaufen, weil wir arbeitsteilig produzieren.

Dieser Prozess beginnt schon bei der Entwicklung?

Keferstein: Das ist zwingend. Der Konstrukteur muss nicht nur so konstruieren, dass die vom Kunden gewünschte Funktion erfüllt wird, sondern auch so, dass das Teil später preiswert herstellbar und messbar ist.

Wie viel muss der Konstrukteur von Messtechnik verstehen?

Keferstein Er muss nicht selber messen können, aber doch wissen, welche Verfahren es gibt und welcher Aufwand dahintersteckt. Es ist einfach und kostet ihn nicht mehr, auf der Konstruktionszeichnung z. B. anstatt grosse, sehr kleine Toleranzen vorzuschreiben. Der Konstrukteur ist so auf der «sicheren Seite». Die Mehrkosten entstehen dann aber bei der Herstellung und der Messtechnik.

Sie lehrten und forschten an der NTB Buchs fast 20 Jahre in Messtechnik. Welche Bedeutung hat dieses Fach heute in der Ausbildung?

Keferstein: Sowohl in der Berufslehre wie in den Hochschulen werden die neuesten Kenntnisse der Messtechnik leider nicht umfassend vermittelt. Für mich ist die Messtechnik ein Grundlagenfach, welches übergeordnet die Themen Konstruktion/Entwicklung, Fertigungstechnik und Qualitätstechnik betrifft. Es besteht also Abstimmungsbedarf zwischen den Lehrinhalten dieser Fachgebiete. Das ist manchmal ein steiniger Weg, gerade auch unter den Sparbemühungen des Staates.

Warum hat die Messtechnik beim Berufsmann einen schlechten Ruf?

Keferstein: Weil sie mit dem Begriff Kontrolle in Verbindung gebracht wird. Wer lässt sich heute noch gern kontrollieren? «To control» heisst im Englischen aber nicht kontrollieren, sondern regeln. Durch die Messtechnik soll dem Mann an der Maschine geholfen werden, bessere Produkte herzustellen. Ein Gedankengang, den der Japaner perfektioniert hat. Dieser ist dankbar, wenn einer misst und ihm sagt, du musst das und das besser machen. Dieses Denken geht in Europa immer mehr verloren.

Bringt die Schweiz mit ihrer weltweit anerkannten Swiss Quality damit nicht ihren Industrie- und Werkplatz in Gefahr?

Keferstein: Noch steht die Schweiz gut da. Sie ist für den europäischen Markt absolut wettbewerbsfähig. Man muss aber auch sehen, dass die Wachstumsmärkte der Zukunft in Asien liegen und die Entwicklung in Sachen Ausbildung zu denken gibt. Die Schweizer Industrie wird gezwungen sein, einen grösseren Teil der Aus- und Weiterbildung als bisher selbst in die Hand zu nehmen.

«Made in China» hat immer noch den Ruf der schlechten Qualität. Stimmt das heute noch?

Keferstein: Nein. Denken Sie zum Beispiel an Produkte der Firma Apple. Die werden in China hergestellt und sind weltweit führend in Sachen Qualität. Die Messtechnik stammt übrigens fast ausnahmslos aus Europa. Schauen Sie auf die Entwicklung in Japan. Japanische Produkte hatten in den Fünfzigerjahren den gleichen Ruf wie heute Produkte «Made in China». Dann kamen von Amerikanern entwickelte Ideen nach Japan. Eine führende Rolle spielte der Physiker und Statistiker Williams Edwards Deming. Seine Erkenntnisse über die Messtechnik und das Qualitätsmanagement blieben in den USA unbeachtet, fanden bei den Topmanagern Japans dagegen grossen Anklang. Die japanische Erfolgsgeschichte, man denke an Spiegelreflexkameras, Autos, Elektrogeräte, könnte ohne Deming nicht geschrieben werden.

Wie soll sich in Anbetracht dieser Entwicklung das Exportland Schweiz verhalten, um auf dem chinesischen Markt bestehen zu können?

Keferstein: Das ist die grosse Herausforderung der nächsten Jahre. Die Schweizer Industrie wird vermehrt in China nach Schweizer Qualitätsrichtlinien und mit personeller Unterstützung aus der Schweiz für den asiatischen Markt produzieren müssen. Durchaus mit vielen Schlüsselkomponenten aus der Schweiz und Europa, besonders was die Messtechnik betrifft. Anders wird man sich auf diesem Riesenmarkt nicht behaupten können.

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