ARBEITSMARKT: Rauswurf ohne Anstand

Nur etwa die Hälfte der Kündigungsgespräche verlaufen einigermassen zufriedenstellend. Zu oft werde improvisiert, bemängelt der Fachmann. Arbeitgeber und -nehmer kündigen aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Rainer Rickenbach
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Viele Firmen haben eine unzureichende Kündigungskultur. (Bild: Getty)

Viele Firmen haben eine unzureichende Kündigungskultur. (Bild: Getty)

Rainer Rickenbach

Bei den Kündigungen gehe die Schere gewaltig auseinander, sagt Jörg Neumann von Neumann Zanetti & Partner. «Einige Unternehmen haben für Kündigungen der Angestellten und des Arbeitgebers eine gute Kultur entwickelt. In anderen gehen ­diese Trennungen himmeltraurig, rücksichtslos und ohne Vorbereitung über die Bühne», sagt er. Seine Erkenntnisse hat er aus einer Umfrage bei knapp 600 Schweizer Unternehmen und Mitarbeitenden, die kürzlich Kündigungen aussprachen, die Stelle wechselten oder den blauen Brief erhielten. Neumann ­Zanetti & Partner in Meggen coacht Unternehmen in Fragen der Personalführung und betreibt Marktforschung.

Nur knapp die Hälfte führt Austrittsgespräche

Dass bei beruflichen Trennungen nicht alles rund läuft, zeigt sich daran, dass nur die Hälfte der befragten Arbeitnehmer mit den Kündigungs- und Austrittsgesprächen zufrieden sind – sofern diese überhaupt stattgefunden haben. Denn nicht einmal die Hälfte der Firmen (47%) nehmen sich die Mühe, Austrittsgespräche zu führen. Wenn sie doch geführt werden, sind sie meistens Aufgabe der direkten Vorgesetzten, obwohl gerade sie bei über der Hälfte der Trennungen die Kündigungsursache sind. «Wenn man sich vor Augen hält, wie teuer Fluktuationen die Unternehmen zu stehen kommen, ist es erstaunlich, wie unprofessionell und unstrukturiert viele Arbeitgeber mit Kündigungen umgehen», sagt Neumann.

Bei einem Austritts- und erst recht bei einem Kündigungsgespräch müssten Leute aus der Personalabteilung oder sonst jemand nebst dem direkten Vorgesetzten dabei sein. Neumann: «Dem Arbeitgeber fällt kein Zacken aus der Krone, wenn er sich nach den Kündigungsgründen erkundigt. Nur so wird er auf Fehlentwicklungen aufmerksam und kann die nötigen Konsequenzen ziehen.» Vier von zehn Unternehmen räumten bei der Umfrage ein, keinen Plan für Kündi­gungen zu haben. Es fehlt die ­Unterstützung der eigenen Personalabteilung und es gibt nicht einmal eine Checkliste, an die sich die Leute halten können, die Austritts- und Kündigungsgespräche zu führen haben. Neumann: «Das wirft die Frage auf: Was machen bei diesen Firmen eigentlich die HR-Leute?»

Da in der Schweiz die Hürde für Kündigungen tief angesetzt ist, erstaunt die wenig ausgeprägte Kündigungskultur umso mehr. Haben Mitarbeitende dem Unternehmen erst einmal mitgeteilt, dass sich ihre Wege trennen werden, stellen 45% der Arbeitgeber diese Angestellten per sofort frei. «Diese Quote ist enorm hoch», findet Neumann.

Es bestünden zwar oft gute Gründe, sofort nach der Kündigung auf die Mitarbeiter zu verzichten, etwa wenn der Angestellte zur Konkurrenz wechselt oder das Verhältnis zum Chef dermassen zerrüttet ist, dass keine produktive Arbeit mehr zu erwarten ist. «Oft mag sich der Arbeitgeber aber einfach nicht mit den Gekündigten auseinandersetzen. Die Scheu ist so gross, dass man sogar auf Arbeitszeit und die Möglichkeiten zur Einarbeitung der Nachfolger und die persönliche Information der Kunden verzichtet», sagt Neumann.

Zeugnisse selber verfassen

Unterschiedlich ist die Wahrnehmung gerade auch, wenn es um die Arbeitszeugnisse geht. Fast jeder siebte Arbeitnehmer bemängelt, auch nach drei Monaten noch keines erhalten zu haben. Fast alle Arbeitgeber hingegen geben an, das Zeugnis innerhalb dieser Frist ausgestellt zu haben.

Einem Teil der Bewerteten dürfte das Zeugnis indes recht bekannt vorkommen: 11% der Abgänger müssen nämlich die erste Version ihres Arbeitszeugnisses gleich selber verfassen. «Gründe dafür dürften Konfliktscheu und Bequemlichkeit sein. Doch es ist ein grober Führungsfehler und eine Geringschätzung gegenüber dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin», sagt Jörg Neumann.