ARBEITSLOSENQUOTE IN DER SCHWEIZ: Unternehmer denken an Stellenausbau

Zum ersten Mal seit dem Frankenschock planen die Firmen wieder mehr Arbeitsplätze zu schaffen als zu streichen. Die ins Ausland verlagerten Jobs sind aber weg.

Rainer Rickenbach
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In der Schweizer Industrie dürfte es wieder mehr Arbeit geben: Blick in die Produktion der Ruag. (Bild: Urs Flüeler/KEY (Emmen, 17. März 2016))

In der Schweizer Industrie dürfte es wieder mehr Arbeit geben: Blick in die Produktion der Ruag. (Bild: Urs Flüeler/KEY (Emmen, 17. März 2016))

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Rainer Rickenbach

Es hört sich nach einer Trend­umkehr an: Die meisten Firmen haben keine Pläne mehr zu Personalabbau in der Schweiz in den Schubladen. Vielmehr gibt es Ausbaupläne. Die bekennenden Abbauer sind in der Minderheit – zum ersten Mal seit Herbst 2014 und erst recht, seit die Nationalbank im darauffolgenden Januar den Euromindestkurs fallen liess. «Die Ausbaupläne bei der Beschäftigung sind breiter abgestützt als auch schon, sie umfassen fast alle wichtigen Branchen», sagt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte bei der ETH-Konjunkturforschung KOF.

Die Erkenntnis, dass es am Arbeitsmarkt bald wieder aufwärtsgeht, bezieht Siegenthaler aus einer KOF-Umfrage im April bei 4500 Schweizer Unternehmen. Das Ergebnis setzt die KOF im Beschäftigungsbarometer in Zahlen um. Der April-Indikator steht mit 1,4 Punkten erstmals seit drei Jahren wieder im Plus.

Seit 2015 fast 17000 Industriestellen verloren

Erfreulich entwickelten sich nebst dem Dienstleistungssektor auch die Beschäftigungsaussichten für das Gastgewerbe und die Industrie, schreibt die KOF. Im Baugewerbe stieg der Indikator auf einen Wert, den er zuletzt Mitte 2014 erreicht hatte. Das Gleiche gilt für die Industrie. Ihr Indikator war zwar im April immer noch negativ. Doch die Stimmung ist laut KOF auch dort so gut wie seit dem Frankenschock nicht mehr. «Das macht deutlich, wie sich die Geschäftslage im verarbeitenden Gewerbe verbessert hat. Die Unternehmen planen, neues Personal anzustellen, oder fassen zumindest keinen weiteren Stellenabbau ins Auge.»

Als Folge des Frankenschocks sind in der Schweizer Industrie in den letzten zwei Jahren 17000 Vollzeitstellen verloren gegangen. In der Arbeitslosenstatistik (siehe Grafik) schlägt sich diese Entwicklung erst verzögert nieder. Kommt hinzu: Ein Teil der Arbeitslosen taucht nach anderthalb Jahren in den Statistiken nicht mehr auf, auch wenn sie keine neue Stelle gefunden haben. «Trotz der deutlich besseren Stimmung besteht kein Grund zur Euphorie. Doch wir rechnen zumindest damit, dass der Stellenaderlass in der Industrie zum Stillstand kommt», sagt Siegen­thaler. Wenn ein schöner Teil der Unternehmen heute im Sinn hat, morgen neue Stellen zu schaffen, dürfte sich das in drei bis sechs Monaten auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Im Sommer, spätestens aber für den Herbst rechnet die KOF mit mehr Stellenangeboten und sinkenden Arbeitslosenzahlen. Sie sagt für 2017 eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,3% voraus. Von einem Aufschwung profitieren vor allem die jungen Arbeitskräfte. Siegenthaler: «Immerhin werden in einer Wachstumsphase auch die Arbeitsplätze langjähriger Mitarbeitender sicherer.»

Aufhellung auf ausländischen Märkten

Der Schweizer Wirtschaft, die jeden zweiten Franken im Export verdient, tut auch die Aufhellung am internationalen Konjunkturhimmel gut. Siegenthaler: «Bei vielen Firmen sind die Auftragsbücher wieder voll, bei anderen sind gute Geschäfte zumindest in Griffnähe. Wenn der Export auf Touren kommt, verleiht er der Binnenwirtschaft mit der Verzögerung eines halben Jahres Impulse.» Doch: «Ins Ausland verlegte Arbeitsplätze holen die Firmen nicht in die Schweiz zurück, wenn es wieder besser läuft», weiss Siegenthaler aus Erfahrung. Der Beschäftigungseffekt könne aber indirekt sein. Die günstigeren Produktionskosten im Ausland stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen, die bei günstiger Konjunktur darum wachsen können. «Das Wachstum schafft auch in der Schweiz wieder Arbeitsplätze. Allerdings nicht mehr in der Fabrik, sondern eher im Büro, von der IT-Branche über Kommunikationsberufe und Arbeiten mit Kundenkontakten bis zu Marketing oder Verwaltung», erklärt Siegenthaler.