Arbeitsämter werden überrollt

Auch die Ostschweizer Arbeitsämter werden von Anfragen zur Kurzarbeit überrannt. Im Kanton St.Gallen beantworten Zivildienstleistende die wichtigsten Fragen.

Kaspar Enz
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Leere Gassen in Frauenfeld: Erst meldeten Touristiker und Gastronomen Kurzarbeit, jetzt sind alle Branchen betroffen. (Bild: Andrea Stalder)

Leere Gassen in Frauenfeld: Erst meldeten Touristiker und Gastronomen Kurzarbeit, jetzt sind alle Branchen betroffen. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Teil unserer Wirtschaft befindet sich im Ausnahmezustand, sagte Bundesrat Guy Parmelin an der Medienkonferenz zum Corona-Virus. Mit 40 Milliarden Franken will der Bund die Wirtschaft unterstützen. Weiterhin ein wichtiger Pfeiler dieser Massnahmen ist die Kurzarbeit, die einmal mehr ausgeweitet wurde. So sollen neu auch Lehrlinge und Temporärarbeiter davon profitieren können. 

Das dürfte auch den Ansturm auf die Ostschweizer Arbeitsämter nächste Woche noch einmal verstärken. Dabei werden diese bereits von Gesuchen überrollt.

5000 Gesuche im Kanton St.Gallen

Am Donnerstag gab das St.Galler Amt für Wirtschaft und Arbeit eine Meldung heraus: 1700 Gesuche für Kurzarbeit seien bisher eingegangen. «Das waren die Zahlen vom Mittwoch», sagt Amtsleiterin Karin Jung. Sie sind längst überholt. «Wir sind jetzt bei rund 5000», sagt sie, aber richtig gezählt wird nicht mehr. «Wir schätzen die Zahl anhand der Postboxen.»

Im Thurgau sieht es nicht anders aus. «Wir haben die 1000er-Grenze deutlich überschritten», sagt Daniel Wessner, Leiter des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit. «Während der gesamten Finanzkrise 2009 hatten wir weniger Gesuche, als wir jetzt in nur gerade einer Woche erhalten», sagt er. «Anfangs waren es noch vor allem Betriebe aus dem Tourismus oder dem Gastgewerbe, jetzt haben wir alle Branchen.» Vor allem seit Donnerstag kommen viele Anfragen. «Viele Betriebe mussten sich erst selber klar werden, was jetzt zu tun sei», erklärt Wessner.

Zivildienst im Einsatz

Wie man Kurzarbeit beantragt fragen nun viele Betriebe, da vor allem auch solche betroffen sind, die dieses Instrument noch nicht kennen. Beide Kantone haben eine Hotline eingerichtet, die unter anderem auch Fragen zur Kurzarbeit beantwortet. Die Drähte laufen heiss. Im Kanton St.Gallen sind beantworten Zivildienstleistende die einfacheren Fragen. «Drei Viertel der Fragen könnte ein Blick auf die Website beantworten», sagt Wessner. Das gelte auch im Kanton St.Gallen. «Wir wären froh, wenn man erst die relevanten Informationen konsultieren würde», sagt Jung.

KURZARBEIT

Was ist Kurzarbeit?

Kurzarbeit ist die vorübergehende Reduzierung der Arbeit in einem Betrieb. Die Mitarbeiter werden dabei aber nicht entlassen. Ziel ist es, vorübergehende Beschäftigungseinbrüche und Entlassungen zu verhindern. Angewandt wird sie oft in ausserordentlichen wirtschaftlichen Krisensituationen, als Folge behördlicher Massnahmen oder anderer von den Arbeitgebern nicht zu vertretende Umstände. Nicht zur Anwendung kommt sie deshalb auch, wenn die Einbrüche nicht temporär sind, oder durch Reorganisationen oder betriebsübliche Schwankungen verursacht wurden.

Wann darf man melden?

Um Kurzarbeit anmelden zu können, muss der Arbeitsausfall mindestens zehn Prozent der üblichen Arbeitszeit betragen. Das Gesuch ist muss beim zuständigen Amt für Wirtschaft und Arbeit eingereicht werden. Bewilligt wird sie für drei Monate.

Was ist neu?

Mit verschiedenen Massnahmenpaketen hat der Bundesrat das Verfahren erleichtert und die Kurzarbeit ausgeweitet. So entfallen die Wartefristen. Neu kann auch für Lehrlinge und befristet Angestellte Kurzarbeit eingereicht werden. Ebenso für Inhaber einer GmbH, die bei dieser angestellt sind.

Schon jetzt müssen sie zum Teil auf Kapazitäten anderer Abteilungen und Ämter zurückgreifen, um die Flut der Anfragen und Anmeldungen zu bewältigen. Dabei komme der schwierigere Teil erst noch. «Wenn es um die Auszahlungen geht, steigt der Aufwand nochmal. Das wird das System einem Stresstest unterziehen», sagt Daniel Wessner. Hier wären die kantonalen Arbeitsämter froh, wenn der Bund das Verfahren vereinfachen würde.

Lösung für Selbständige erwartet

Gehört wurde auch der Ruf nach Hilfe von Selbstständigen, Kleinunternehmern und Künstlern. So sollen auch angestellte Teilhaber einer GmbH von Kurzarbeit profitieren können. Andere Selbstständige, die von den Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus betroffens ind, sollen Taggelder erhalten.

Das dürfte für die Arbeitsämter auch eine Entlastung sein. Gerade solche Selbstständig Erwerbende riefen oft über die Hotlines an. «Manche waren sehr besorgt, andere schon aggressiv, da sind unsere Mitarbeiter stark gefordert», berichtet Wessner, was ihn auch nicht wundert. «Schliesslich geht es für Viele um die Existenz.»

Doch um ihre Existenz müssen nicht nur Kleinunternehmer bangen. Nicht nur die Anmeldungen für die Kurzarbeit explodierten in den letzten Tagen, es meldeten sich wieder deutlich mehr Personen arbeitslos, sagt Wessner. Ein Trend, der sich intensivieren dürfte. «Das zeigt, dass die wirtschaftlichen Kollateralschäden der Massnahmen gegen den Corona-Virus hoch sind».

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