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Appetit auf westliche Firmen: Chinesen haben die Ostschweiz entdeckt

Den Appetit chinesischer Unternehmen auf europäische und Schweizer Firmen spürt auch unsere Region. Die jüngst verkaufte Lista Office steht in einer Reihe mit Namen wie Saurer, Heberlein, Sigg oder der anderen Lista, die ebenfalls in chinesischer Hand sind.
Thomas Griesser Kym
Ein Bündel chinesischer Banknoten in einer Bank in Wuhan. Chinesische Unternehmen sind nach wie vor auf Einkaufstour in Europa und der Schweiz. (Bild: AP)

Ein Bündel chinesischer Banknoten in einer Bank in Wuhan. Chinesische Unternehmen sind nach wie vor auf Einkaufstour in Europa und der Schweiz. (Bild: AP)

Firmen wie Syngenta, Bally, Gategroup, SR Technics, Swissport, Eterna, Netstal, Swissmetal oder das Luzerner Hotel Palace haben eines gemeinsam: Sie alle sind Schweizer Unternehmen in chinesischer Hand.

Das Interesse chinesischer Investoren ist auch in der Ostschweiz spürbar. 2013 übernahm die Jingsheng Group von OC Oerlikon den Textilmaschinen- und Komponentenhersteller Saurer mit Werken in Arbon und Wattwil. 2016 kaufte der Getränkeflaschenhersteller Haers die Frauenfelder Sigg, die bekannt ist für ihre Trinkflaschen aus Aluminium. 2018 verkaufte die Beteiligungsgesellschaft Capvis die Lista Betriebs- und Lagereinrichtungen in Erlen an den Maschinenbau- und Werkzeugkonzern Great Star, und die Bühler-Firma Polymetrix aus Oberbüren ging zu 80 Prozent an San­lian. Jüngste Transaktion ist der Verkauf der Büromöbelherstellerin Lista Office mit Werken in Degersheim und Arnegg an den Stuhlfabrikanten Henglin.

Betrachtet man die chinesischen Zukäufe europäischer Firmen über die Zeit, so fällt auf: Seit 2006 sind die Zahlen ständig gestiegen – bis 2016. In den beiden vergangenen Jahren aber sind die Transaktionen und deren Gesamtwert wieder gesunken, wie eine Studie der Beratungsfirma EY zeigt:

Rückgang der Zukäufe dürfte temporärer Natur sein

«Die Transaktionsaktivitäten sind europaweit nun fünf Halbjahre in Folge zurückgegangen», kommentiert Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY. Hauptgrund sei, dass die Pekinger Regierung übermässige Kapitalabflüsse verhindern und die Investitionen auf Kernbranchen konzentrieren wolle. Die Folge sind laut Stefan Rösch-Rütsche, Leiter Transaktionsberatung bei EY in der Schweiz, «strenge Devisenkontrollen der Regierung. Vor allem für private Unternehmen wurde es dadurch sehr schwierig, den Genehmigungsprozess für eine devisenfinanzierte Transaktion zu bestehen.»

Hinzu kommt, dass Chinas Wirtschaft weniger stark wächst. «Zudem werden chinesische Investoren in Europa nicht mehr überall mit offenen Armen empfangen», sagt Sun. Auf Skepsis stossen vor allem chinesische Staatskonzerne mit Käufen westlicher Firmen, die in Schlüsseltechnologien aktiv sind.

Sun erwartet jedoch, dass die Investitionsbereitschaft chinesischer Unternehmen mittelfristig wieder deutlich anzieht. Dies, sobald sich der Handelsstreit beruhigt und Chinas Konjunktur wieder anzieht. Zudem nehme die Bedeutung chinesischer Investmentfirmen zu, die im Ausland Dollar oder Euro besässen.

Ein Trend weg von Industriefirmen

Den rückläufigen Transaktionen in Europa zum Trotz: In der Schweiz wurden vergangenes Jahr 13 Firmen von chinesischen Unternehmen aufgekauft, fast doppelt so viele wie 2017 (7). Und der Gesamtwert dieser Transaktionen stieg von 490 auf 770 Millionen Dollar (2016 schenkte allerdings der Kauf von Syngenta durch Chem China mit 43 Milliarden Dollar massiv ein). Dazu Rösch-Rütsche:

«Mit der Reform im chinesischen Gesundheitssystem sind seit vergangenem Jahr vor allem Kliniken und Phar­maunternehmen in der Schweiz in den Fokus chinesischer Investoren gerückt.»

In der Ostschweiz hat bereits 2016 der chinesische Pharma- und Gesundheitsmulti Huapont die Paracelsus-Klinik in Niederteufen zu 70 Prozent erworben.

Was in Europa ebenfalls auffällt: Am meisten Interesse haben chinesische In­vestoren weiterhin an Industriefirmen, doch nimmt die Zahl solcher Übernahmen ab. Gestiegen ist das Interesse an Herstellern von Konsumgütern wie Möbeln oder Schmuck oder an Dienstleistern wie beispielsweise Sprachschulen.

Swissness steht bei Chinesen hoch im Kurs

Was macht jene Ostschweizer Unternehmen, die in chinesischer Hand sind, so interessant für deren Eigentümer? Die Erweiterung der eigenen Wertschöpfungskette und die Erschliessung neuer Märkte sind oft ein Antrieb. Häufig genannt werden auch die Schweizer Qualität, das technologische Know-how, das Design, der Zugang zu Premiummarken – kurz: alles, was mit Swissness assoziiert wird. Das sieht man beispielsweise bei Sigg und bei Lista Office mit ihren hochqualitativen Produkten mit starken Markennamen.

Diese Erfahrung fehlte ihren neuen Besitzern: Haers wie auch Henglin stellen Eigenmarken her, also No-Name-Produkte im Auftrag ihrer Kunden. Die zugekauften Schweizer Töchter erlauben nun eine Expansion ins Segment der höherpreisigen Topmarken. Diesen können die chinesischen Investoren ihre eigenen Vertriebskanäle erschliessen, sowohl in China selber als auch auf anderen Exportmärkten.

Henglin beispielsweise ist der grösste chinesische Exporteur von Bürostühlen und bedient weltweit über 80 Länder, während Lista Office bisher auf die Schweiz konzentriert war. Haers wiederum ist bei Sigg mit dem Anspruch angetreten, den Umsatz des Frauenfelder Unternehmens zu befeuern. Allein China, der Heimmarkt der Investoren, birgt nur schon wegen seiner schieren Grösse enormes Geschäftspotenzial. «In China wächst eine kaufkräftige und konsumfreudige Mittelschicht heran – allerdings gibt es in China derzeit noch kaum eine weltbekannte Marke im mittleren oder Luxussegment», beobachtet Rösch-Rütsche. «Daher sind chinesische Investoren seit etwa drei Jahren immer stärker auf der Suche nach namhaften europäischen Konsumgüterproduzenten.»

Saurer mit Hauptsitz und Technologiezentrum in der Ostschweiz

Eine andere Geschichte ist Saurer. Der Konzern zählt weltweit 4700 Mitarbeitende, setzt 1,3 Milliarden Franken um. In der Schweiz aber hat das Unternehmen in Arbon und am Hauptsitz in Wattwil lediglich noch 140 Mitarbeitende, und überdies wird die Montage der Stickmaschinen bald an einen chinesischen Saurer-Standort verlagert. Das tönt sinnvoll, denn in Asien erzielt Saurer drei Viertel des Umsatzes, in China allein gegen 45 Prozent. Die meisten Kunden und auch die meisten Zulieferer sitzen also in China, und mit der Verlagerung rückt Saurer näher an seine Absatz- und Beschaffungsmärkte.

Gleichwohl soll der Ostschweiz weiterhin eine zentrale Rolle zukommen: In Arbon steht Saurers Technologiezentrum, das ausgebaut worden ist, und 2018 hat Saurer die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um die Hälfte erhöht. Betreffend Hauptsitz hat Saurer-Sprecherin Simona Gambini im April bekräftigt, es sei die feste Absicht, diesen in der Schweiz zu behalten, weil dies der Reputation Saurers in Asien und speziell in China förderlich sei. Zu Jingsheng gehört auch die Heberlein AG (früher Saurer Components) in Wattwil. Betriebsleiter Roland Messmer sagte kürzlich:

«In der jüngeren Heberlein-Geschichte, und hier reden wir über die letzten 20 Jahre, war 2018 das erfolgreichste Jahr überhaupt. Dies im Umsatz und im Ergebnis, ohne dass wir gross im Ausland produzieren. Unsere Wertschöpfung findet grösstenteils hier in Wattwil statt.»

Deshalb investiere man auch weiterhin in Maschinen und Innovationen. Das Unternehmen ist weltführender Anbieter von Luftverwirbelungs- und Luftblastexturierdüsen für synthetische Endlosgarne und hat darüber hinaus in Keramikkomponenten für Medizinalanwendungen expandiert.

Thurgauer Lista-Gruppe versucht in China Fuss zu fassen

Anlässlich der Übernahme der Thurgauer Lista-Gruppe Mitte 2018 wurde betont, diese sei mit gegen 500 Angestellten europäischer Marktführer bei Betriebs- und La­gereinrichtungen. Im Verbund mit dem 3-Milliarden-Dollar-Konzern Great Star (11'000 Beschäftigte) soll diese Po­sition wie auch jene in Märkten ausserhalb Europas ausgebaut werden. Mit Blick auf China sagt Lista-Chef Jürg Henz, seine Firma werde dort zunächst eine Verkaufsstelle mit Showroom einrichten, um dann zu versuchen, im High-End-Markt chinesische Kunden anzugehen.

«Aber das ist ein langfristiger Prozess.»

Und könnte Lista dereinst grössere Volumen in China absetzen, würden diese sicherlich lokal produziert. Dies allein schon wegen der Transportkosten, die von der Schweiz nach China zu hoch wären. Kommt hinzu: «Wir produzieren auf Kundenbestellung. Das bedingt eine gewisse Marktnähe.»

Der Lista gehe es gut; deshalb und weil der Marke Wachstumspotenzial zukomme, habe Great Star das Thurgauer Unternehmen gekauft. Führung und Firmenphilosophie hätten nichts geändert. Henz sagt:

«Wir haben ein Budget, damit hat es sich.»

Das deckt sich mit Erfahrungen anderer Firmen, wonach chinesische Investoren eine Langfriststrategie verfolgen und dem Management meist viele Freiheiten lassen. Auch bei der Lista hat sich für die Mitarbeitenden laut Henz nichts geändert. Und der Personalbestand sei heute um ein gutes Dutzend Beschäftigte höher. «Das liegt aber nicht an unseren neuen Eigentümern, sondern an unserem Wachstum im Euroraum.»

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