Anleger hoffen auf frischen Wind

Als die Nationalbank vor einem Jahr den Euromindestkurs überraschend aufgab, wertete der Franken schlagartig auf. Die Folgen dieser Aufwertung spüren Wirtschaft und Anleger bis heute, und sie werden sie auch 2016 beschäftigen.

Rolf Biland*
Drucken
Teilen
Händler am Ende eines Handelstags an der New Yorker Börse: Worauf müssen sich die Aktienmärkte 2016 einstellen? (Bild: ap/Richard Drew)

Händler am Ende eines Handelstags an der New Yorker Börse: Worauf müssen sich die Aktienmärkte 2016 einstellen? (Bild: ap/Richard Drew)

Die Schweizer Wirtschaft ist 2015 kaum gewachsen. Der Schweizer Aktienindex SMI befindet sich nahezu auf dem gleichen Stand wie zu Jahresbeginn. In der Eurozone, in Grossbritannien und Japan legten Aktien zwar zu, die Aufwertung des Schweizer Frankens machte diese Kursgewinne jedoch teilweise zunichte – zumindest für Schweizer Anleger, die ihre Währungsrisiken nicht abgesichert hatten. Unter den wichtigen Währungen wertete sich nur der Dollar ähnlich stark auf wie der Franken. Weil aber die Börsen in den USA praktisch stagnierten, brachten auch US-Aktien Schweizer Anlegern wenig ein.

Weltweit zwei Faktoren

Im Börsenjahr 2015 dominierten zwei Faktoren die Entwicklung weltweit: erstens der Verfall der Energiepreise und zweitens die Geldpolitik in den USA und in Europa. In den letzten zwölf Monaten fiel der Preis für ein Fass Rohöl von über 100 $ auf weniger als 40 $.

Die USA sind innert weniger Jahre zu einem wichtigen Erdölförderer geworden, und die Opec-Staaten versuchen, die unerwünschte Konkurrenz über einen tiefen Preis aus dem Wettbewerb zu drängen. Bisher ist diese Strategie allerdings nicht aufgegangen, und die Opec wird ihre Fördermenge möglicherweise noch mehr ausweiten, was den Ölpreis weiterhin tief halten würde.

In grossem Stil eingekauft

Die tiefen Energiekosten stützen die europäische Konjunktur und sorgten 2015 sogar für ein sinkendes Preisniveau. Die EZB nahm die negative Inflation zum Anlass, in grossem Umfang Anleihen aufzukaufen, so dass sich der Euro abwertete und allmählich mehr Kredite aufgenommen wurden. Das verlieh auch den europäischen Börsen Auftrieb. Voraussichtlich setzt die EZB ihre lockere Geldpolitik bis im Herbst 2016 fort, sechs Monate länger als geplant.

Im Gegensatz dazu hat die US-Notenbank ihren Leitzins im Dezember erstmals seit fast zehn Jahren erhöht. Diesen Schritt hatte sie mehrfach hinausgeschoben, trotz robuster Konjunktur mit Vollbeschäftigung, steigenden Löhnen und wachsendem Konsum. Das schwächte das Vertrauen in die US-Wirtschaft, und die Kurse von US-Aktien schlossen 2015 etwas tiefer.

In vielen Schwellenländern und vor allem in China verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum im Sommer deutlich. In der Folge brachen chinesische Aktien ein, obwohl Regierung und Notenbank mehrfach intervenierten. Ende Jahr konnte sich die Konjunktur in China und anderen Schwellenländern erholen, das Wachstum wird allerdings kaum mehr so kräftig ausfallen wie in den vergangenen Jahren.

Ausblick aufs Börsenjahr 2016

In der Eurozone dürfte die Wirtschaft weiter wachsen, auch dank der grosszügigen Geldpolitik. Zusammen mit der günstigen Bewertung erscheinen europäische Aktien daher attraktiv. Auch die Schweizer Wirtschaft sollte von der positiven Entwicklung in der Eurozone profitieren, und der Aufwertungsdruck auf den Franken dürfte etwas abnehmen. Das würde vor allem Aktien von kleineren und mittleren Unternehmen stärken, während das Kurspotenzial von Grosskonzernen limitiert ist.

Seit die Zinsen in den USA gestiegen sind, spekulieren die Marktteilnehmer über die weitere Entwicklung. Erfahrungsgemäss dürfte das die Kurse von US-Aktien in den kommenden Monaten belasten. Mittelfristig dürfte sich die robuste Konjunktur aber in den Aktienkursen niederschlagen, so dass ein Einstieg im Laufe des Jahres attraktiv erscheint.

Anleger haben sich an sinkende Anleihezinsen gewöhnt. Jetzt könnten die Zinsen erstmals seit langem steigen. Selbst ein leichter Aufwärtsdruck würde die Kurse stark belasten, darum sollte man Anleihen mit Zurückhaltung begegnen. Die Preise für Gold und andere Rohstoffe werden sich 2016 aus heutiger Sicht kaum deutlich von ihrem rekordtiefen Stand erholen.

China in anspruchsvoller Phase

Die grössten Risiken für Wirtschaft und Börsen gehen von China aus. Zurzeit wächst die Weltwirtschaft sehr langsam. Sowohl die Eurozone als auch die USA könnten leicht in eine Rezession rutschen, falls die chinesische Wirtschaft 2016 erneut schwächelt. China steckt in einer anspruchsvollen Phase der wirtschaftlichen Öffnung. Die Regierung versucht, den Renminbi vom Einfluss des Dollars zu lösen und die chinesischen Finanzmärkte wettbewerbsfähiger zu machen.

Ein grosses Problem sind die Folgen der Ein-Kind-Politik, die 2015 nach 35 Jahren aufgegeben wurde. Während das kräftige Wirtschaftswachstum in den letzten 30 Jahren stark von Investitionen getrieben war, soll sich die Wirtschaft in Zukunft vermehrt auf den Konsum abstützen. Um alle diese Ziele zu erreichen, ist extrem viel Geschick erforderlich. Wenn das gelingt, kann China den Aufschwung der Weltwirtschaft massgeblich unterstützen.

* Rolf Biland ist Leiter Anlagestrategie beim VZ Vermögenszentrum.

Aktuelle Nachrichten