Amerikas Wein zieht nach Norden

Noch beherrscht Kalifornien den amerikanischen Weinmarkt. Doch die Winzer ziehen immer weiter nach Norden, bis nach Kanada. Die Dürre kommt ihnen zugute, denn Wein braucht weniger Wasser.

John Dyer
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BOSTON. Die lange Dürre im Westen der Vereinigten Staaten hat den kalifornischen Weinbauern an den Abgrund geführt. Dagegen wirkt sich die Wasserknappheit entlang der gesamten Pazifikküste für den Weinbau im Bundesstaat Washington, nördlich von Kalifornien, sogar positiv aus. Der ist inzwischen schon zum zweitgrössten Weinproduzenten der USA geworden, nach Kalifornien.

850 Weinbauern in Washington

«Wenn ich mir um die Ernten Sorgen mache, dann am wenigsten um den Wein», sagt der Experte für Weinbau an der Staatsuniversität von Washington, Markus Keller. Der Weinanbau werde zunehmen und immer schneller wachsen, sagt der Agrarwissenschafter, der 1995 seinen Doktor an der ETH Zürich gemacht hat. Schon in den vergangenen Jahren hat der Weinbau im Staat Washington zugelegt. Seit 2010 haben die Weinbauern ihre Anbaufläche erweitert. Es gibt rund 850 Weinbaubetriebe in Washington, die pro Jahr ein Geschäftsvolumen von 4,8 Mrd. $ erwirtschaften.

In derselben Zeit ist die Produktion anderer Ernten zurückgegangen, wie bei Äpfeln, Kartoffeln und Weizen. Sie alle wurden Opfer der Dürre. Die Obst- und Weizenbauern müssen insgesamt in diesem Jahr mit Dürr-Verlusten von 1,2 Mrd. $ rechnen. In Kalifornien haben die Landwirte kürzlich einer Rationierung zugestimmt, die das Trinkwasser für Los Angeles und San Francisco sichern soll. Auch im Staat Washington gilt eigentlich der Ausnahmezustand wegen der Wasserknappheit. Dort wie auch weiter im Norden wie Oregon und British Columbia in Kanada hat der Klimawandel zu mehr Regen und weniger Schneefall geführt. Da die Bewässerung dort überall auf die Nutzung des Schmelzwassers aus den Bergen abgestellt ist, bedeutet dieser Wandel Trockenheit nach dem Winter.

Weinreben statt Apfelbäume

Während die Experten noch darüber diskutieren, ob diese Lage die neue Normalität ist, handeln einige Farmer schon. «All das hier waren Apfelbäume», sagt Dick Boushey. Der 64-jährige Farmer aus dem Yakima-Tal zeigt auf seine neuen Weinstöcke. 10% seines Landes von 111 Hektaren hat er von Obstbäumen gerodet und baut dort jetzt Wein an. Die Entscheidung fiel ihm angesichts der Dürre leicht. «Weintrauben brauchen nur halb so viel Wasser», sagt Boushey mit Blick auf seine ehemalige Apfelplantage. Und das trockenere Klima führt sogar dazu, dass die Trauben mehr Zucker bekommen, kräftiger und geschmackvoller werden.

Die Marktkräfte reagieren rasch. Schon kommen Investoren aus dem kalifornischen Weinbaugebiet Napa Valley in die 1300 Kilometer weiter nördlich liegenden Täler im Bundesstaat Washington.

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