Amag-Erbe Martin Haefner: Der Mann im Hintergrund 

Öffentlichkeitswirksam hat Martin Haefner den Luzerner Stahlkonzern Schmolz+Bickenbach gerettet. Nun wird der Amag-Besitzer wieder aus dem Rampenlicht verschwinden.

Maurizio Minetti
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Martin Haefner (65) am Amag-Hauptsitz in Cham.

Martin Haefner (65) am Amag-Hauptsitz in Cham.

Dominik Wunderli (26. November 2019)

Im Telefonbuch steht immer noch sein alter Beruf: Mittelschullehrer. Martin Haefner, 65, hat die Karriere in der Privatwirtschaft nie gesucht. Und doch kam irgendwann der Zeitpunkt, da konnte er nicht mehr anders, er musste. 2006 übernimmt Martin Haefner von seinem Vater Walter das Verwaltungsrats-Präsidium des mächtigen Autoimporteurs Amag.

Firmengründer Walter Haefner ist damals stolze 95 Jahre alt. Sein Sohn Martin hat zu diesem Zeitpunkt fast ein Vierteljahrhundert lang an Gymnasien unterrichtet, darunter an Kantonsschulen in Baden und Luzern. Und dann, mit über 50, wird der Mathematiker mit ETH-Abschluss doch noch an die Spitze des Amag-Imperiums berufen.

Martin Haefner hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm die Rolle des hemdsärmeligen Patrons nicht behagt. Lieber bleibt er im Hintergrund, lässt andere sprechen. Das ist Familientradition; schon sein Vater hatte es nicht so mit der Öffentlichkeit, seine Schwester ebenfalls nicht. Weggefährten bezeichnen Martin Haefner als zurückhaltend, liebenswürdig, bescheiden, ohne jeden Dünkel.

«Er traut sich, Fragen zu stellen, wenn er etwas nicht versteht, damit er wirklich den Zusammenhang begreift», sagt einer. Ehemalige Schüler erinnern sich an seine Pedanterie, gespickt mit einer Prise Humor. Im Gespräch mit unserer Zeitung wirkt er scheu, teilweise unsicher, sucht oft den Blickkontakt zu seinem PR-Berater.

Der öffentliche Auftritt ist ihm ein Graus. In den letzten Wochen hatte Haefner so viel Publicity wie nie zuvor. Der Machtkampf beim Luzerner Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach nahm seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Man sah sein Gesicht in der «Tagesschau»-Hauptausgabe, er sprach an der Generalversammlung zu den Aktionären und gab Zeitungsinterviews.

Der Kampf hat sich gelohnt: Seinen Kontrahenten Viktor Vekselberg konnte er letztlich ins Boot holen. Mit dem geschlossenen Deal ist einer der letzten Schweizer Stahlkocher vorerst gerettet. Und Haefner steigt zum grössten Aktionär auf.

«Benzin im Blut» hat Haefner nicht

Warum tut er sich das an? Der im luzernischen Horw wohnhafte Zürcher besitzt laut «Bilanz» ein Vermögen von 4 bis 4,5 Milliarden Franken. Mit dem Ausstieg seiner Schwester ist er seit 2018 Alleineigentümer der Amag geworden. Richtig viel Geld hat er letztes Jahr mit dem Verkauf der Beteiligung am US-Software-Konzern CA gemacht. Arbeiten müsste Martin Haefner längst nicht mehr, aber er tut es trotzdem. Aus Pflichtbewusstsein. Den Amag-Pin am Revers trägt er mit Stolz.

Das Stahlgeschäft liege ihm am Herzen, sagt er. Kein Geheimnis ist aber, dass eine nicht unwesentliche Verbindung zwischen Amag und Schmolz+Bickenbach besteht: Amag ist als Hauptimporteur von Volkswagen sozusagen der verlängerte Arm des VW-Konzerns, wie Vater Walter zu sagen pflegte. VW wiederum ist einer der wichtigsten Kunden von Schmolz+Bickenbach.

Die Autobranche verteidigt Haefner vehement. Vor vier Jahren enervierte er sich in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» darüber, dass Autofahrer jedes Jahr etliche Milliarden Franken an den Bund zahlen. «Und dafür müssen wir uns vom politisch rot-grünen Sektor auch noch in die moralische Schmuddelecke stellen lassen, obwohl die Autos umwelttechnisch immer sauberer werden!» Benzin im Blut hat Haefner gemäss Selbstdefinition nicht. Derzeit fährt er den Mittelklasse-Wagen Audi A6.

Über sein Privatleben ist sonst wenig bekannt. Kinder hat er keine. Die «Bilanz» schrieb vor einem Jahr, er habe eine Vorliebe für die Wildnis Kanadas, wo er ein Haus ohne Telefon oder TV besitze und viel Zeit mit seiner Gattin Marianne verbringe. Vor zwei Jahren nahm er im Berner Oberland am Blausee-Schwimmen teil. Ausserdem soll er mehrere Dutzend Mal mit dem Fallschirm gesprungen sein.

Grossspenden und weitere Engagements

Knausrig ist der Multimilliardär nicht. Vor 14 Jahren spendete er im Namen der Amag eine Million Franken für die Tsunami-Opfer. Zudem engagiert er sich beim Luzerner Sinfonieorchester oder unterstützt jährlich Start-ups mit einem «namhaften Betrag», wie er sagt.

An die grosse Glocke hängt er die vielen Engagements seinem Naturell gemäss nicht. Erst vergangene Woche hat das Haefner-Ehepaar dem Universitäts-Kinderspital Zürich 20 Millionen Franken für einen Neubau gespendet. Die Nachricht war selbst Zürcher Lokalmedien nur eine kurze Notiz wert. Haefner mag es recht sein.

Jetzt, wo sich die Aufregung um Schmolz+Bickenbach gelegt hat, wird sich Martin Haefner wieder zurückziehen. Bereits hat er angekündigt, den Verwaltungsrat des Stahlkonzerns zu verlassen, obwohl er zum grössten Aktionär aufsteigt.

Im Januar lädt Amag die Medien erstmals nach Cham ein, wo der Autoimporteur vor kurzem einen neuen Hauptsitz bezogen hat. Die Rede hält CEO Morten Hannesbo. Firmeninhaber Martin Haefner bleibt im Hintergrund.

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