Ostschweizer Firmen hängen am Tropf der Weltwirtschaft

Geschäftsberichte von Ostschweizer Unternehmen zeigen, dass einige den globalen Stürmen erfolgreich trotzen.

Stefan Borkert
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Hilti hat in Europa, trotz abkühlender Baukonjunktur, den Umsatz um fast 7 Prozent steigern können.

Hilti hat in Europa, trotz abkühlender Baukonjunktur, den Umsatz um fast 7 Prozent steigern können.

Bild: PD

Die Turbulenzen auf den Weltmärkten haben Auswirkungen auf die Ostschweizer Wirtschaft. Vom Naturell her eher vorsichtig, waren deshalb die Geschäftserwartungen der Firmenchefs. Doch diverse Geschäftsberichte zeigen nun, dass in den Führungsetagen Erleichterung herrscht. Umsätze und Auftragseingänge können sich sehen lassen, teils auch der zu erwartende Gewinn. Wobei solche Aussagen nicht auf alle Unternehmen zutreffen. Es gibt auch solche, die arg in Bedrängnis geraten sind. Andere, wie etwa der Stahlbauspezialist Tuchschmidt in Frauenfeld, mussten vor Weihnachten gar Konkurs anmelden.

Für Konjunkturexperte Peter Eisenhut von der Ecopol AG St.Gallen schlägt sich die globale Lage, sprich Themen wie Handelsstreit, Iran, Libyen, Syrien, Brexit und so weiter auf den Geschäftsgang der Ostschweizer Firmen nieder, besonders in der Industrie. «Die Industrie hängt am Tropf der Weltwirtschaft», sagt er, und ergänzt: «Deshalb hatte die Konjunktur 2019 auch zwei Gesichter, nämlich eine gute Binnenkonjunktur einerseits und eine schwächelnde Aussenkonjunktur andererseits.»

Wachstum in bewegtem Umfeld

Da braucht es besondere Anstrengungen, um trotzdem zu wachsen. Gelungen ist dies etwa Hilti. CEO Christoph Loos sagt: «2019 war ein weiteres erfolgreiches Jahr für uns mit ausschliesslich organischem Wachstum.» Das wirtschaftliche Umfeld sei allerdings volatiler geworden und das globale Baumarktwachstum habe sich spürbar verlangsamt. Zudem zeigten die Währungen mehrheitlich Abwertungstendenzen gegenüber dem Schweizer Franken. «Vor diesem Hintergrund sind wir zufrieden mit unserem Wachstum und freuen uns, dass wir weitere Marktanteile gewinnen konnten.» In Europa wuchs Hilti letztes Jahr um 6,9 Prozent, und das trotz Brexit-Unsicherheit und einer markanten Abkühlung der Baukonjunktur in Skandinavien. Positiv entwickelte sich auch Nordamerika mit einem Plus von 7,3 Prozent.

Peter Eisenhut, Ecopol AG, St.Gallen

Peter Eisenhut, Ecopol AG, St.Gallen

Michael Huwiler/PD

Starrag-Chef Christian Wälti teilt mit, dass man nach wie vor volle Auftragsbücher habe, dass der Umsatz gestiegen sei. Der Gewinn vor Steuern aber abgenommen habe. Das Programm Starrag 2021 zeige erste Wirkungen. Hier geht es um Optimierungen und eine langfristig angelegte Verbesserung der Profitabilität.

Der SFS Group ist im zweiten Semester 2019 eine deutliche Leistungssteigerung gelungen. Mediensprecher Claude Stadler schreibt weiter, dass man besonders in Nordamerika durch die Akquisition von TFC den Umsatz überproportional habe steigern können.

Zugenommen hat auch der Umsatz durch Akquisitionen des Dentalspezialisten Coltene. Finanzchef Gerhard Mahrle rechnet mit einer Steigerung des Nettoumsatzes in Höhe von 34,2 Prozent, nämlich von 204 auf rund 274 Millionen Franken. Experte Eisenhut beurteilt die Lage trotz der teils guten Ergebnisse durchaus kritisch: «Die Umfragen bei den Unternehmen sind im Allgemeinen gute vorauslaufende Indikatoren. Die Stimmung und Einschätzung der Ostschweizer Unternehmen hat sich im Verlaufe des Jahres 2019, genauer ab Juni, verbessert.»

Vorsicht vor verzerrtem Bild

Weil das aber doch eher überraschend gewesen sei, blieben die Unternehmen vorerst in der Beurteilung der Geschäftsentwicklung vorsichtig.

«Wir, auch die Unternehmen, neigen dazu, die Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Vor allem im zweiten Quartal 2019 dominierten eben Rezessionsängste.»

Zudem dürfte das erfreulich gute Abschneiden einiger Vorzeigebetriebe in der Ostschweiz das Bild der gesamten Industriekonjunktur etwas verzerren, warnt er. Exporte, besonders im Maschinenbau und der Metallindustrie sind im letzten Semester zunächst eher ausgebremst worden. Dann gab es doch eine Belebung. Ein saisonales Muster ist das allerdings nicht. Eisenhut: «Nein, das ist kein saisonales Muster, sondern in erster Linie die Konsequenz der weltwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere in Deutschland und den USA. Die Exporte aus der Ostschweiz im Maschinenbau und der Metallindustrie harzten allerdings auch im zweiten Halbjahr 2019. Es resultierte ein kräftiges Minus.»

Letzte grosse Ausschläge bei der Finanzkrise

Was die Bewegung und die Wachstumsraten angeht, sieht Eisenhut unterdessen keine extremen Ausschläge. Im Gegenteil: «In den letzten Jahren sind die Wachstumsraten, das heisst die konjunkturellen Ausschläge tendenziell nicht grösser, sondern kleiner geworden. Die letzten grossen Ausschläge, allerdings nach unten, fanden im Jahr 2009 während der Finanzkrise statt.»

Schutz vor zu grossen Turbulenzen bietet Eisenhuts Meinung nach unter anderem eine gute Wirtschaftspolitik. «Darin eingeschlossen ist auch die Geldpolitik der Nationalbank mit ihrer Zinspolitik und den Interventionen am Devisenmarkt.» Entscheidender seien aber die Unternehmen, die aufgrund der Umfeldveränderungen ihre Innovationspolitik und ihre Strategie weiterentwickeln.