Die Coronaeinheitspolitik ist am Ende – Altersspezifische Massnahmen statt Coronateufelskreis – Ein Gastbeitrag von Professor Roland Waibel

Die Coronafallzahlen steigen wieder. Die Politik reagiert mit Verschärfungen, was den Teufelskreis aus mangelnder Akzeptanz und risikoreichem Verhalten befeuert. Dabei wäre ein anderer Ansatz besser geeignet.

Roland Waibel
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Ein beschädigtes Plakat mit den vom Bund verordneten Massnahmen gegen das Coronavirus am Hauptbahnhof St.Gallen.

Ein beschädigtes Plakat mit den vom Bund verordneten Massnahmen gegen das Coronavirus am Hauptbahnhof St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser (13. Oktober 2020)

Die Coronapandemie hat fast allen Nationen die grösste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg beschert. Aber Staaten, welche die Gesundheitskrise mit weniger Einschränkungen managen, werden massiv geringere wirtschaftliche Folgekosten tragen.

Doch nun steigen die Fallzahlen fast überall, und in der Folge nehmen die Freiheitsbeschränkungen wieder zu. Die Gefahr besteht, dass die Regierungen mit ihrer bisherigen Einheitspolitik den Coronateufelskreis weiter anfachen.

«Doppelte Betroffenheitsschere»

Roland Waibel, Professor für systemisches Management an der Ostschweizer Fachhochschule.

Roland Waibel, Professor für systemisches Management an der Ostschweizer Fachhochschule.

Bild: PD

Warum nehmen die Fallzahlen wieder deutlich zu, die Todesfälle aber viel weniger als im Frühling? Wir haben verstanden, dass die Todesgefahr für Ältere ungleich grösser ist als für Jüngere, und dass bei Todesfällen von über 65-Jährigen in der Regel Multimorbidität vorliegt. Die Wirtschaftsprofessoren Eichenberger und Stadelmann sprechen von einer «doppelten Betroffenheitsschere»: Junge und Personen mittleren Alters stehen im Arbeitsprozess und sind von den staatlichen Einschränkungen massiv, teils existenziell betroffen.

Gleichzeitig wissen sie um ihr verhältnismässig geringes Gesundheitsrisiko. Mangelnde Einhaltung der Regeln und unvorsichtiges Verhalten sind die Folge. Dagegen sind Ältere gesundheitlich deutlich mehr betroffen, tragen als Rentner aber viel weniger wirtschaftliche Risiken als die Jungen.

Die Medizin wirkt zu wenig, also wird die Dosis erhöht

In den Segmenten der arbeitenden Bevölkerung ist ein Teufelskreis am Werk, der wohl international in vielen Ländern wirkt: Weil die Fallzahlen steigen, zurren die Behörden das Korsett der Schutzmassnahmen enger. Das verstärkt das wirtschaftliche Risiko der Arbeitnehmenden, ihre aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Probleme nehmen zu. Die Zukunftsängste steigen, und das Verständnis für die Drosselungen schwindet. Mit fehlender Akzeptanz der staatlichen Politik wächst die Zugänglichkeit für Verschwörungstheorien.

Das alles führt dazu, dass immer mehr Bürger, die sich im Frühling noch verständnisvoll und solidarisch hinter die Einschränkungen gestellt haben, nun nicht mehr bereit sind, den amtlichen Vorgaben zu folgen. Die Fallzahlen schiessen weiter in die Höhe, was die Regierungen dazu motiviert, die scheinbar Unvernünftigen mit härteren Massnahmen zur Vernunft zu bringen. Die Medizin wirkt zu wenig, also wird die Dosis erhöht. Kommt es aber zum Äussersten und zu einem zweiten Lockdown, hat die staatliche Politik offensichtlich ihre Glaubwürdigkeit verspielt.

Die Corona-Einheitspolitik ist am Ende

Gerechtigkeit heisst, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Nach Eichenberger und Stadelmann ist die bisherige Corona-Einheitspolitik am Ende. Sie schlagen segmentspezifische Massnahmen vor: Während die Einschränkungen für die 20- bis 64-Jährigen im Arbeitsprozess substanziell gelockert werden können, sind sie für über 65-Jährige aufrechtzuerhalten. Allenfalls ist zu prüfen, die Massnahmen für spezifische ältere Risikogruppen punktgenau zu verschärfen. Gerade die geografische Differenzierung je nach Gefährdungslage im einzelnen Kanton oder städtischen Hotspot zeigt auf, dass die Menschen nachvollziehbare risikoadjustierte Massnahmen weitgehend problemlos akzeptieren.

Schliesslich sind auch die Immunen differenziert zu behandeln. Viele Studien zeigen eine hohe Dunkelziffer. In Genf hatten schon Anfang Juni geschätzte 11 Prozent der Bevölkerung Antikörper, was auf Immunität hinweist und nach heutigem Wissen weitgehend vor schwerer Wiedererkrankung in den folgenden Monaten schützt. Immune können von vielen Einschränkungen ausgenommen werden. Zudem kann ihr Potenzial noch gezielter genutzt werden, zum Beispiel für freiwillige Einsätze in Pflegeheimen.

So sieht das Fazit aus

Mit der aktuellen Corona-Einheitspolitik werden alle auf das gleiche Mass gezogen oder zurechtgestutzt. Mangels Akzeptanz der arbeitenden Bevölkerung droht die Entgleisung des Gleichheitsansatzes in einen sich verstärkenden Teufelskreis aus unvorsichtigem Verhalten, weiter steigenden Fallzahlen und schärferen Einschränkungen. Eine alters- und segmentspezifische Differenzierung, eingebettet in eine informativere, evidenzbasiertere Kommunikation, ist die bessere Medizin.

Hinweis: Der Autor ist Professor für systemisches Management an der Ostschweizer Fachhochschule und leitet dort das Institut für Unternehmensführung.