Kolumne

Silber-Anlage: Als ich mich für kurze Zeit wie Warren Buffett fühlte

Wirtschaftsredaktor Livio Brandenberg über seine Erfahrung mit dem Anlegen von Silber.

Livio Brandenberg
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Livio Brandenberg.

Livio Brandenberg.

Legen Sie an? Nicht im Schützen- oder Jagd-Sinn gemeint, wir sind hier ja schliesslich im Wirtschaftsteil. Nein, die Frage bezog sich natürlich auf finanzielle Anlagen. Ich beispielsweise besitze Silber. Zugegeben, nicht physische Barren, sondern in Form eines Exchange Traded Funds (ETF), also eines börsengehandelten Fonds, der den Silberpreis abbildet. Das Schöne: Der ETF ist mit physischem Silber unterlegt, das man sich ausliefern lassen kann. Das gab mir lange ein gutes Gefühl.

Ein weniger gutes Gefühl gibt mir seit einigen Jahren der Preis meines Silbers. Als ich mit dem Investieren begann, das war vor knapp neun Jahren, lag der Silberpreis bei etwa 24 Franken pro Feinunze (umgerechnet gut 31 Gramm). Damals war der Hype um das Edelmetall gross, die globale Finanzkrise noch spürbar. Viele Aktien schienen billig, doch ich traute ihnen nicht. Dafür sprachen Analysten von «triple-digit silver» – also von einem Silberpreis im dreistelligen Bereich. Auch auf dem US-Wirtschaftssender CNBC, den mein Bruder damals zu schauen pflegte (er hatte das Vorrecht, wenn es um die Fernbedienung ging), waren zuversichtliche Stimmen von zuversichtlichen Personen aus zuversichtlichen Fonds und Firmen zu hören. Also griff ich zu.

Heute bewegt sich Silber zwischen 11 und 16 Franken. Und das schon länger. Meine sorgfältig in kleinen Schritten zugekauften Feinunzen sind also – alles eingerechnet – noch rund halb so viel wert wie damals, als vermeintlich jeder zum Schluss kam, «Silber ist das neue Gold!» Es gibt eine Anlegerweisheit, sie wird bisweilen dem legendären US-Grossinvestor Warren Buffett zugesprochen: «Wenn die Zeitungen über eine Aktie schreiben, ist es schon zu spät, um einzusteigen.» Ich arbeitete damals noch nicht bei einer Zeitung, und Silber ist keine Aktie. Jedenfalls stieg ich ein – kopfvoran.

Inzwischen schaue ich nicht mehr täglich ins Depot oder auf die App, um mich von meinem Silber zerknirschen zu lassen. Nicht, dass es mich nicht wurmen würde. Doch mindestens so stark wie der Profit interessiert mich mittlerweile, warum ich so daneben lag und warum Silber die überschwänglichen Prognosen nie zu erfüllen vermochte. Denn für kurze Zeit, fast auf die Woche genau vor acht Jahren, fühlte ich mich wie ein kleiner Warren Buffett: Der Silberpreis kratzte an der 50-Franken-Marke. Ich verkaufte nicht. (Die Gier, die liebe Gier.)

Warum also vermochte Silber nicht den «Run» hinzulegen, den Gold hinlegte? Der Preis des grösseren, edleren Bruders hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht. Und man könnte doch davon ausgehen, dass die beiden Edelmetalle ähnlich reagieren im gleichen Marktumfeld. Falsch. Silber wird nämlich – anders als Gold – nicht eigenständig gefördert. Während es Goldminen gibt, die ihre Produktion dem Preis anpassen, ist Silber nur ein Beiprodukt. Es wird etwa bei der Kupferproduktion abgebaut, dabei legen die Minen Standardabbaumengen fest, die nicht kurzfristig angepasst werden. Und das ist nur eine Erklärung, Silber ist komplexer als gedacht. Wohl darum hänge ich an meinem Silber. Ob «triple- digit» oder nicht, ich kann mir nicht mehr vorstellen, es dereinst zu verkaufen.