Als Arbonia an Europas Spitze

Der Thurgauer Gebäudezulieferer AFG Arbonia-Forster übernimmt die Industriegruppe Looser. Das ist ihm eine halbe Milliarde Franken wert. Die neue Arbonia-Gruppe verfolgt hohe Ziele.

Thorsten Fischer
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Produktion hochwertiger Türen bei der AFG-Tochter RWD Schlatter: Ihr Marktgebiet soll nun grösser werden. Bild: Till Forrer

Produktion hochwertiger Türen bei der AFG-Tochter RWD Schlatter: Ihr Marktgebiet soll nun grösser werden. Bild: Till Forrer

Übernahmen gehören seit jeher zur Geschichte von AFG Arbonia-Forster. Seit einiger Zeit steckt das Thurgauer Unternehmen allerdings in einer fortgesetzten Restrukturierung – das heisst, es wurden mehr Firmen abgestossen als zugekauft. Diesen Sommer tritt die AFG aber wieder forscher als Einkäufer auf. Eine erste grössere Übernahme, die im Sanitärbereich tätige Koralle-Gruppe, wurde im Juni angekündigt. Nun kauft das Unternehmen aber noch deutlich kräftiger ein.

Die Industriegruppe Looser, sie hat den Holding-Sitz wie die AFG in Arbon, soll mehrere hundert Millionen Franken Umsatz ins neue Unternehmen bringen. 53 Prozent der Aktien hat die AFG bereits erworben. Die Aktienmehrheit wurde den Familienaktionären, Mitgliedern des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung der Looser Holding abgekauft. Für alle sich noch im Publikum befindlichen Looser-Aktien gibt es ein öffentliches Kauf- und Tauschangebot. Einschliesslich einer dabei offerierten Prämie von 38,8 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom 14. September entspricht das Angebot einem Unternehmenswert der Looser von 511 Millionen Franken.

Im Namen spiegeln sich die beiden Hauptsitze

Die Gesellschaft soll in Zukunft unter dem Namen Arbonia AG, in Anlehnung an den Ort der Hauptsitze der beiden Unternehmen, auftreten. Die in der Heiztechnik tätige Tochtergesellschaft der AFG, die Arbonia AG, wird demzufolge umfirmiert. «Die Übernahme erfolgt, weil sie industriell und funktionell Sinn macht», erklärt AFG-Chef Alexander von Witzleben auf Anfrage. «Dass Looser den Holdingsitz ebenfalls in Arbon hat, ist ein netter Zufall, aber mehr nicht.» Vor dem Eintritt von Witzlebens soll es bei der AFG schon einmal lose Kontakte zur Unternehmung Looser gegeben haben. Wie der jetzige AFG-Chef weiter sagt, habe er davon aber lediglich vom Hörensagen Kenntnis. «Wir selbst haben uns die Gruppe vor einem Jahr erstmals näher angesehen. Im April 2016 haben wir dann die konkreten Verhandlungen aufgenommen.»

Die Gewerkschaft Unia forderte gestern in einem Communiqué, dass die Übernahme der Looser-Gruppe durch die AFG in Arbon zu keinem Stellenabbau führen dürfe. Nachdem die AFG zuvor bereits zahlreiche Stellen nach Osteuropa verlagert habe, fordert die Gewerkschaft «einen Ausbau von Arbeitsplätzen und dass keine weiteren Jobs in der Schweiz verlorengehen.» Die Unia erwartet vom neuen Giganten der Bauausrüstungsbranche – sie sieht darin auch «den fragwürdigen Drang nach Grösse» des AFG-Managements – ein klares Bekenntnis zum Werkplatz Schweiz und zur Sicherung von Arbeitsplätzen.

«Kein Deal, bei dem zahlreiche Stellen gestrichen werden»

«Beim Zukauf handelt es sich nicht um einen Deal, bei dem aus Synergiegründen Fabriken zusammengelegt und zahlreiche Stellen gestrichen werden», versichert AFG-Chef von Witzleben. «Neu werden insgesamt rund 8000 Mitarbeitende unter einem Dach vereint sein. Davon werden voraussichtlich gerade einmal 5 bis 10 Stellen abgebaut.»

Bekanntlich ist es erklärtes Ziel der AFG, bis 2018 zu einem führenden Gebäudezulieferer in Europa zu werden. Durch den Zusammenschluss mit Looser sieht man sich nun diesem Ziel sehr nahe. So zähle die Gruppe in Zentraleuropa künftig zu den Marktführern in den Bereichen Fenster und Türen wie auch auf dem Gebiet der wasserbasierten Wärmeübertragung in der Gebäudetechnik. Neben dem Know-how im Türenbereich bringt Looser auch die Condecta mit (Kräne, Container, WC-Kabinen). Die neu entstehende Gruppe erwartet bei stabilen Märkten einen kombinierten Umsatz von 1,4 Milliarden Franken und einen Betriebsgewinn (Ebitda) von mindestens 150 Millionen Franken im Jahr 2018.

Der Standort und das Geschäft des Ostschweizer Türenherstellers RWD Schlatter sollen dabei ebenfalls gestärkt werden. «RWD verfügt bereits über ein modernes Werk in Roggwil und hochwertige spezialisierte Produkte», sagt von Witzleben. Allerdings war es bisher nur zu 50 Prozent ausgelastet. Im Zusammenspiel mit dem Türengeschäft von Prüm-Garant aus der Looser-Gruppe öffnen sich nun neue Chancen. «RWD Schlatter hat im Vertrieb via Prüm-Garant nun komfortablen Zugang zum deutschen Markt. Etwas, das andernfalls mühselig aufgebaut werden müsste», erklärt der AFG-Chef. Ausserdem gebe es grosse Synergieeffekte im Einkauf von Türenkomponenten: «RWD kann Beschläge oder Kanten zu günstigeren, deutschen Listenpreisen einkaufen. Ausserdem bringen die insgesamt grösseren Bestellmengen mehr Einkaufsmacht.» Gleich mehrere Firmen kommen auf einen Schlag neu unters AFG-Dach – besteht da nicht die Gefahr, dass die Lage nach dem Schrumpfprozess der vergangenen Jahre nun schwerer überschaubar wird? «Die Integration von Looser schafft keine Verzettelung», betont von Witzleben. So werde der grösste Teil von Looser ins Türengeschäft der AFG überführt, «die Struktur bleibt somit dieselbe wie zuvor». Ausnahme sei die ebenfalls neu hinzukommende Condecta. Sie bildet eine eigene Division mit gegen 60 Millionen Franken Umsatz. «Condecta ist aber sehr rentabel und es besteht kein Zeitdruck, bereits jetzt über die längerfristige Strategie zu entscheiden.» Der schon von Looser eingeleitete Verkauf des Beschichtungsgeschäfts wird indessen fortgesetzt. «Da wollen wir das Rad nicht zurückdrehen», sagt der AFG-Chef.

Looser-Chef Rudolf Huber erklärte laut Agentur SDA, Looser selbst sei auf Dauer eigentlich zu klein. Man habe zwei Optionen gehabt: Entweder alleine aus eigener Kraft und durch Zukäufe weiterzuwachsen – «oder eine Kombination mit einem anderen Unternehmen einzugehen». Die Transaktion bezeichnete er als «Schweizer Industrielösung». Die Familien Looser und Stocker-Looser seien Industriellenfamilien, und auch der AFG-Grossaktionär Michael Pieper sei ein Industrieller und kein Finanzinvestor.