Alleingang ist umstritten

In der EU herrscht zum Teil Verstimmung darüber, dass die deutsche Finanzaufsicht Bafin im Alleingang das Verbot bestimmter ungedeckter Leerverkäufe eingeführt hat.

Ulrich Glauber
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Neue Leitplanken: Handel an der Frankfurter Börse. (Bild: epa/Frank Rumpenhorst)

Neue Leitplanken: Handel an der Frankfurter Börse. (Bild: epa/Frank Rumpenhorst)

Frankfurt. Es ist ein wenig wie Zockerei mit geliehenem Geld. Auf den globalen Finanzmärkten ist es üblich, sich in Erwartung fallender Kurse gegen eine Gebühr Aktien oder andere Titel zur Rückgabe gegen einen fest vereinbarten Kurs in einer bestimmten Frist zu leihen und sie dann zu verkaufen. Sinkt der Wert tatsächlich, kann man sich die Titel auf dem Finanzmarkt billiger beschaffen, zurückgeben und die Preisdifferenz als Profit einstreichen.

Nach demselben Prinzip funktionieren ungedeckte Leerverkäufe – mit dem höheren Risiko, dass der Spekulant auf niedrigere Kurse die Papiere noch nicht einmal geliehen hat, sondern reine Luftgeschäfte tätigt. Er beschafft die Papiere erst im Zeitraum zwischen der Vereinbarung und dem versprochenen Liefertermin. Idealerweise macht er dies zu einem tieferen als dem vereinbarten Preis. Theoretisch kann mit diesem Vorgehen auch ein Mehrfaches der aktuell verfügbaren Papiere verkauft werden. Das wiederum kann neue Unruhe in die Kurse bringen.

Verbot rasch eingeführt

Die deutsche Finanzaufsicht hat solche Geschäfte mit Wirkung vom Mittwochmorgen für die Bundesrepublik Deutschland überraschend verboten. Die Bafin will damit dafür sorgen, dass hohe Kursausschläge bei bestimmten Aktien vermieden werden. Verboten wurden ungedeckte Leerverkäufe von Anteilsscheinen an der Allianz, Commerzbank, Deutsche Bank und Münchener Rück, Deutsche Börse, Deutsche Postbank, Hannover Rück, Aareal Bank, Generali Deutschland und MLP.

Ausserdem sind ungedeckte Leerverkäufe von Staatsanleihen der Länder in der Euro-Zone in Deutschland ab sofort ebenso unzulässig wie Kreditderivate (Credit Default Swaps, CDS) auf die Ausfallrisiken von Euro-Anleihen.

Die Bafin-Ankündigung setzte den Euro weiter unter Druck. Die Gemeinschaftswährung fiel gestern vormittag auf ein Tief von 1.2161 $ – dem tiefsten Stand seit April 2006. Auch der Aktienindex Dax verlor im frühen Handel deutlich. Besonders Banktitel verloren, weil vor allem die Finanztitel nachgaben.

Der Kurs des Branchenführers Deutsche Bank fiel zeitweise um 2,5%.

Wirkungslose Verzweiflungstat?

Börsianer sprachen von einer «Verzweiflungstat» der deutschen Regierung, denn nicht Spekulanten, sondern die Staatsverschuldung in der Euro-Zone und die Schwemme an Anleihen seien das Problem. Zudem wird der Handel mit den entsprechenden Papieren nach Ansicht der Kritiker durch das Verbot lediglich von Deutschland an die Börsen London oder New York verlagert.

Solange die USA und Grossbritannien nicht mitziehen, habe die Bafin-Massnahme lediglich Alibi-Charakter, meinen die Skeptiker. «Auch wenn nationale Massnahmen nur eine beschränkte Wirkung entfalten können, finde ich es richtig, dass Deutschland hier in der Europäischen Union eine Vorreiterrolle einnimmt», kommentierte Hauptgeschäftsführer Karl-Heinz Boos vom Bundesverband Öffentlicher Banken.

Ärger beim grossen Nachbarn

In Frankreich rief die einsame Entscheidung aus Deutschland Verstimmung hervor. «Ich finde, dass jemand bei einer solchen Massnahme zumindest den Rat der anderen Mitgliedstaaten einholen sollte», sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Und fügte an: «Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen.»

Der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier mahnte in Brüssel Solidarität an. «Diese Massnahmen werden effizienter, wenn sie auf europäischer Ebene koordiniert werden.» Spanien, Belgien und Österreich unterstützen dagegen das deutsche Vorgehen. «Wir stehen voll und ganz hinter den Entscheidungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel», sagte beispielsweise der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero.

Beleg für Entschlossenheit

Die deutsche Regierungschefin führte das deutsche Verbot von ungedeckten Leerverkäufen am gestrigen Mittwoch im Deutschen Bundestag denn auch als Beleg für ihre Entschlossenheit an, eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte notfalls auch ohne internationale Abstimmung durchsetzen. Sie werde sich zudem für eine internationale Finanzaktivitätssteuer oder eine Finanzmarkttransaktionssteuer einsetzen. Die Banken hätten in der Krise als Brandbeschleuniger gewirkt.

Sie müssten jetzt an den Kosten zur Krisenbewältigung herangezogen werden.