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«Hochinteressanter Markt»: Das hat der Onlinegigant Alibaba wirklich vor

Nach Amazon könnte ein weiterer Online-Riese Europa überrollen. Dabei hat Alibaba mit seinen jüngsten Vorstössen gar nicht die hiesigen Konsumenten im Blick – zumindest vorerst nicht.
Felix Lee, Peking
Blick ins Versandzentrum eines von Alibaba finanzierten Logistikunternehmens. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (Schanghai, 6. November 2017))

Blick ins Versandzentrum eines von Alibaba finanzierten Logistikunternehmens. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (Schanghai, 6. November 2017))

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst von Alibaba. Ende des vergangenen Jahres kündigte der chinesische Onlineriese an, am belgischen Flughafen Lüttich auf einer Fläche von mehr als 220 000 Quadratmetern ein gigantisches Logistikzentrum einzurichten. Eine Investitionssumme von umgerechnet 85 Millionen Franken hat Alibaba allein für den ersten Schritt vorgesehen. Dann folgte Anfang Januar die Übernahme des Berliner Start-ups Data Artisans für etwa 100 Millionen Franken. Und auch das Gerücht, Alibaba könnte den deutschen Onlinehändler Zalando übernehmen, hält sich hartnäckig.

Schon schrillen die Alarmglocken, nach Amazon könnte ein weiterer aussereuropäischer Onlineriese Europa überrollen. Dabei hat Alibaba mit seinen jüngsten Vorstössen gar nicht die Konsumenten im Blick – zumindest vorerst nicht. Alibaba geht es um den heimischen Markt in China.

«Mehr als eine halbe Milliarde Konsumenten auf unseren Marktplätzen beginnen Konsumerfahrungen in China bei Ali­baba»

sagt Terry von Bibra, ­Europa-Chef des chinesischen Internetgiganten. Das berge ein enormes Potenzial. Er veranschaulicht das an zwei Zahlen: Rund 1,4 Milliarden Menschen leben in China. Über 700 Millionen Menschen sind bereits regelmässig online. Das würde bedeuten: Weitere 700 Millionen Menschen nutzen das Internet noch nicht – was sich aber bald ändern könnte.

Schweizer Luxusmarken im Visier

Besonders für viele Schweizer Marken etwa in der Luxusbranche sei China «deswegen ein hoch­interessanter Markt», sagt von Bibra. Chinesische Verbraucher vereinten die grösste Kaufkraft auf dem globalen Luxusmarkt. Laut dem Beratungsunternehmen Bain machten sie 2017 bereits 32 Prozent des weltweiten Umsatzes aus. Ein aktueller McKinsey-Bericht prognostiziert, dass Chinas Anteil an den globalen Luxusausgaben in den nächsten sechs Jahren 44 Prozent des Gesamtmarktes erreichen werde.

«Marken wie Tissot und Longines, oder auf der Konsumentenseite Nestlé und Lindt, sind beliebt bei chinesischen Konsumenten», sagt von Bibra. Das Logistikzentrum in Lüttich diene als «Gateway to China». Über das Logistikzentrum sollen die Schweizer Luxusmarken ihre Waren noch schneller an die chinesischen Konsumenten liefern können. An Konsumenten aus Deutschland oder der Schweiz scheint Alibaba derzeit wenig interessiert zu sein.

Alibaba ist Chinas grösstes privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen. Einst in den 1990er-Jahren als Onlinekontaktbörse zwischen chinesischen und ausländischen Firmen gegründet, zählt Alibaba mit seinen Handelsplattformen Taobao und Tmall heute zu einem der grössten Onlinekonzerne der Welt. Allein im vergangenen Jahr setzte Alibaba Waren im Wert von über 550 Milliarden US-Dollar um. Alibaba-Gründer Jack Ma ist mit einem geschätzten Vermögen von rund 40 Milliarden Dollar der reichste Mann Chinas.

Im Westen wird Alibaba häufig als «chinesisches Amazon» bezeichnet. Der Vergleich hinkt. Amazon ist Händler und bietet auf seinem Marktplatz anderen Onlinehändlern lediglich einen weiteren Verkaufskanal. Alibaba hingegen ist ein Plattformanbieter. Zudem ist Alibaba mit seinen Geschäftsfeldern noch sehr viel breiter aufgestellt als der US-Konkurrent. Neben seinen Verkaufsplattformen betreibt Alibaba auch Cloud Computing, Nachrichtendienste und den Onlinebezahldienst Alipay. Das bargeldlose zahlen mit Alipay ist derzeit schon in 20 europäischen Ländern möglich. Der Finanzdienstleister SIX und weitere Unternehmen haben den chinesischen Bezahlservice Ende 2017 in der Schweiz lanciert. Alipay hat die wachsende Zahl an chinesischen Touristen im Visier. Die App soll ihnen bei Europa­reisen den Währungswechsel ersparen. In Luxemburg hat Alipay eine Lizenz als E-Geldinstitut beantragt und auch erhalten, um vom Grossherzogtum aus den gesamten EU-Markt zu steuern. Eine Ausweitung auch auf europäische Kunden ist nach Firmenangaben derzeit aber nicht geplant.

Digitales Pendant zur Welthandelsorganisation

Vor allem jedoch als Logistikdienstleister will Alibaba zum Weltmarktführer aufsteigen. Seit rund zwei Jahren ist Alibaba ­bereits Mehrheitseigner von Cainiao, einem Zusammenschluss mehrerer grosser Logistikunternehmen in China. Mit Cainiao verfolgt Alibaba das Ziel, Bestellungen aus der Volksrepublik binnen 24 Stunden weltweit zu ihren Zielen zu bringen. Auch das ist nur ein Zwischenschritt. Jack Ma spricht von «electronic World Trade Platform», kurz E-WTP. Hinter dieser sperrigen Abkürzung verbirgt sich sein Ziel, eine Plattform zu schaffen, die Hersteller weltweit direkt mit den Endkunden zusammenbringt. Von allen Punkten der Welt zu allen Punkten sollen Pakete spätestens innerhalb von drei Tagen geliefert werden können.

Ein gewaltiges Unterfangen, das so noch kein Logistikunternehmen hinbekommen hat. Kleinere Logistikunternehmen könnten zunehmend abhängig werden von Alibaba. Hermes etwa, die Logistiktochter des Otto-Versands, kooperiert angesichts sinkender Margen bereits mit Alibaba.

Das Logistikzentrum in Lüttich ist denn auch nur ein Drehkreuz von mehreren. Vergleichbare Stützpunkte hat Alibaba ausser seinem Unternehmenssitz im ostchinesischen Hangzhou auch in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur sowie in Ruanda errichten lassen. Ein weiteres Versandzentrum soll in Bulgarien entstehen. Mehr als 13 Milliarden Euro will Alibaba in den kommenden fünf Jahren für sein weltumspannendes Netz investieren. Oder wie es der Retail- und China-Experte Olaf Rotax bezeichnet: «ein digitales Pendant zur Welthandelsorganisation».

Ein Milliardenkonzern

Noch in den 1990er-Jahren war Alibaba-Gründer Jack Ma Englischlehrer und nebenberuflich als Reiseführer tätig. In seiner Heimatstadt Hangzhou fiel ihm auf, wie ausländische Investoren haderten, mit chinesischen Unternehmern in Kontakt zu treten. Umgekehrt war es genauso. Er gründete eine Online-Kontaktbörse für Unternehmer.

Heute beschäftigt Alibaba 66'000 Vollzeitkräfte und ist an der Wall Street mehr als 500 Milliarden Dollar wert. Der Konzern hat sich neben seinen Online-Verkaufsplattformen Taobao und Tmall zu einem wahren Tausendsassa entwickelt, betreibt einen Cloud-Anbieter, Streamingdienste sowie ein Navigationsangebot. Ma kontrolliert ebenfalls das Fintech-Unternehmen Ant Financial, das mit seinem Online-Bezahlsystem Alipay mit etwa 150 Milliarden Dollar bewertet wurde.

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